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Die Geschichte mit Rumpelstilzchen


«Aber so geht das ja wirklich nicht!», sagt Rotkäppchen empört und klappt das Märchenbuch zu. Der Froschkönig, der neben ihm im Moos sitzt, wiegt den Kopf.

«Hast Du diese Geschichte mal gelesen?», erkundigt sich Rotkäppchen.

«Welche?», brummt der Froschkönig schläfrig. Das Moos ist feucht, und er wäre lieber im Bett der Königstochter.

«Rumpelstilzchen!», erwidert Rotkäppchen aufgebracht. Die Antwort des Froschkönigs verliert sich in einem Gähnen.

«Also», Rotkäppchen setzt sich zurecht und faltet die Hände auf dem Märchenbuch.«Es war einmal ein Müller, der hatte eine Tochter, und weil er sonst nichts hatte, gab er mächtig an mit dieser Tochter. Er behauptete sogar, sie könne Stroh zu Gold spinnen!» Der Froschkönig blinzelt.

«Eines Tages hört der König davon», fährt Rotkäppchen fort, «und, stell dir vor, der dumme König glaubt dem Müller. Er sperrt die Müllerstochter in eine Kammer voller Stroh, und sagt, wenn sie das über Nacht nicht zu Gold spinne, müsse sie sterben.» Rotkäppchens Wangen sind so rot angelaufen wie sein Käppchen.

«Die Müllerstochter ist verzweifelt. Doch da erscheint Rumpelstilzchen und verspricht ihr, das Stroh zu Gold zu spinnen, wenn sie ihm etwas gibt dafür. Die Müllerstochter gibt Rumpelstilzchen ihr Halsband, und es spinnt das Stroh zu Gold.» Der Froschkönig schiebt sich den goldenen Ball unters Kinn und schließt die Augen.

«Aber natürlich hat der König nicht genug. In der nächsten Nacht muss die Müllerstochter eine zweite Kammer voller Stroh zu Gold spinnen. Wieder erscheint Rumpelstilzchen, und sie gibt ihm ihr Armband. In der dritten Nacht aber sperrt der König die Müllerstochter in eine noch größere Kammer und sagt, wenn sie auch dieses Stroh zu Gold spinne, werde er sie heiraten.» Der Froschkönig schluckt, ohne die Augen zu öffnen.

«Aber die Müllerstochter hat nichts mehr, was sie Rumpelstilzchen geben kann, und da verlangt es ihr erstes Kind.» Rotkäppchen seufzt: «Ja, und die Müllerstochter verspricht ihr erstes Kind, Rumpelstiltzchen spinnt das Stroh zu Gold, die Müllerstochter heiratet den König, und als sie ein Jahr später ein Kind bekommt, steht Rumpelstilzchen da und will das Baby.»

Der Froschkönig atmet regelmäßig und vor seinem Mund bilden sich kleine Bläschen.

«Schläfst du?», fährt Rotkäppchen ihn an.

Der Froschkönig reißt die Augen auf. «Hast du mir überhaupt zugehört?»

«Natürlich», gurgelt es aus der Froschkehle, «die Müllerstochter will ihr Kind nicht hergeben und weint so sehr, dass Rumpelstilzchen sagt, sie dürfe das Kind behalten –» «– wenn sie seinen Namen errät », fällt Rotkäppchen ihm ins Wort, das Geschichten lieber selbst erzählt. «In der ersten Nacht nennt die Müllerstochter alle Namen, die sie kennt. Dann schickt sie Boten aus, und in der zweiten Nacht nennt sie alle Namen, die ihre Boten im Land gehört haben. In der dritten Nacht aber weiß die Müllerstochter den Namen, weil einer ihrer Boten Rumpelstilzchen belauscht hat, wie es im Wald singend um ein Feuer tanzte. Die Müllerstochter sagt den Namen, Rumpelstilzchen zerplatzt vor Wut, sie behält das Kind, und –», Rotkäppchen verschluckt sich vor Aufregung.

«Und wenn sie nicht gestorben sind ....» gähnt der Froschkönig und schließt die Augen wieder.

«Aber das geht doch nicht!», beharrt Rotkäppchen hustend. «Der Angeber von einem Müller hat zum Schluss eine Königin zur Tochter, und der König, der die Müllerstochter plagt, hat all das gesponnene Gold. Die müssen doch bestraft werden für ihre Prahlerei, ihre Gier.»

«So ist das nun mal im Leben», meint der Froschkönig dösend.

«Aber das ist nicht das Leben, das ist ein Märchen.» Rotkäppchen wirft das Buch ins Moos und steht auf. «Im Märchen werden die Bösen bestraft und die Guten belohnt.»

«Du hast ja auch deine Königstochter bekommen», fügt es triumphierend hinzu und greift nach seinem Korb...

«Wo willst du denn hin?», erkundigt sich der Froschkönig.

«Zu Rumpelstilzchen natürlich, es muss die Geschichte ändern.»

Der Froschkönig ist plötzlich hellwach. «Du kannst doch nicht einfach eine Geschichte ändern», ruft er Rotkäppchen nach.

«Und ob ich das kann. Ich hab schon ganz anderes zustande gebracht, als der Wolf mit dem Jäger ...», seine Worte verhallen zwischen den Bäumen.

Einen Moment sitzt der Froschkönig da und starrt ins Moos. Dann nimmt der den goldenen Ball und hüpft hinter Rotkäppchen her.


© G. Alioth, 2001