Home Kinderbücher Lexikon der irischen Mythologie Links für Kinder Kontakt

Im Tal der Schatten


«George!» Jemand rüttelt an ihrem Arm, Georgina schlägt die Augen auf und erblickt die graue Mütze.

«Wir sind da.» Das Gesicht unter der Mütze ist blass.

«Wo?»

«In Erinn», flüstert Laeg.

Georgina will sich aufrichten, aber er drückt sie auf die Schiffsplanken zurück. Sie schaukeln nur noch sanft.

«Sie dürfen uns nicht sehen.»

«Aber es ist doch niemand ...»

«Pscht!»

Jenseits der Fässer erklingen Männerstimmen.

«Drei, zwei ...», zählt eine davon. Mit einem Ruck kommt das Schiff zum Stillstand. Schritte ertönen und für einen Augenblick nähern sie sich, so dass Georgina sich duckt.

«Achtung!», ruft jemand. Etwas Schweres schleift über die Planken.

Georgina kauert sich neben Laeg und späht über den Rand der Fässer. Das Schiff ist voller Männer. Die meisten sitzen noch auf den Bänken und halten die Ruder. Sie haben die Hemdsärmel hochgekrempelt und ihre Gesichter sind gerötet wie nach einer langen Anstrengung. Einige tragen Rüstungen; das müssen die Krieger sein. Ihre Helme glänzen im Sonnenschein.

Vier der Gerüsteten sammeln sich um die längliche Kiste, die im Bug des Schiffes steht.

«Wo ist Set?», flüstert Georgina.

«Ich weiß nicht», wispert Laeg, ohne den Blick von den Kriegern zu wenden. Sie ergreifen die Kiste und im gleichen Moment erheben sich die Ruderer von ihren Bänken. Es ist vollkommen still, während die Krieger die Kiste auf ihre Schultern nehmen und zwischen den stehenden Männern hindurchtragen.

«Glaubst du, sie haben ihn in Alba zurückgelassen?», fragt Georgina, so leise sie kann.

«Nein», sagt Laeg entschieden. Die Krieger steigen über die Brüstung des Schiffes und gehen auf zwei Planken an Land. Die anderen Männer folgen ihnen. Georgina sucht nach Sets dreifarbigem Schopf.

Nach und nach leert sich das Schiff und der Zug der Krieger beginnt den grünen Hang des Hügels hinaufzusteigen, an dessen Fuß sie angelegt haben. Georgina kann Set nicht finden. Sie schaut sich um und da entdeckt sie, dass in ihrem Rücken eine Landschaft aus Wiesen und Wäldern liegt. Das Schiff ist nicht am Ufer des Meeres, sondern am Ufer eines Flusses gelandet.

«Wo sind wir?», fragt sie überrascht.

«Im Tal des Todes», erklärt Laeg leise.

Georgina betrachtet die sanften Hänge, den Fluss, der gemächlich zwischen ihnen hindurchfließt, und die Sonne scheint. Erst jetzt fällt es ihr auf, dass der Himmel über ihnen strahlend blau ist.

«Das hab ich mir aber ganz anders vorgestellt», meint sie zu Laeg, «dunkel und unheimlich.»

«Warum?» Das Ende des Zugs ist außer Hörweite und Laeg wendet sich zu Georgina.

«Weil der Tod doch das Ende ist, weil mit ihm alles aufhört –» Sie denkt an Taras kaltes Fell.

«– und alles wieder beginnt», fährt Laeg lächelnd fort. Georgina blickt ihn fragend an, aber er ist aufgestanden.

«Komm!»

Zielstrebig geht Laeg zwischen den leeren Ruderbänken hindurch zum Bug des Schiffes und als sie näher kommen, erkennt Georgina ein helles Bündel – Sets Schaffellmantel. Er ist immer noch mit brauner Erde verklebt. Set muss ihn zurückgelassen haben, und nicht weit davon entfernt liegen auch sein Bogen und der Köcher mit den Pfeilen. Was war mit ihm geschehen?

Laeg strebt auf das Bündel zu und Georgina wartet ein paar Schritte entfernt, während er sich darüber beugt. Doch anstatt nach dem Mantel zu greifen, hebt er vorsichtig einen Zipfel hoch. Georgina beobachtet ihn verwundert. Er schiebt ein Stück des Fells zurück und dann hebt er einen zweiten Zipfel.

Neugierig kommt Georgina näher. In dem Mantel liegt etwas – die Beine eingezogen, den Kopf unter den Schultern verborgen – ein Tier, ein Hund. Sie öffnet den Mund, der Körper scheint viel zu klein, aber da ist der dreifarbige Schopf.

«Set!»

Laeg hebt abwehrend den Arm. Der Zusammengerollte rührt sich nicht.

«Ist er tot?», fragt Georgina erschrocken, als sie neben Laeg niederkniet.

«Nein», Laeg fährt mit der Hand über Sets Kopf, ohne sein Haar zu berühren, «er schläft.»

«Schläft?» Georgina kann sich nicht vorstellen, dass man in dieser Stellung schlafen kann. Sets Gesicht ist nicht zu sehen.

«Er schläft, aber ...», Laeg blickt auf und in diesem Moment erschallt der Ruf einer Krähe, «... er wird gleich erwachen», vollendet er seinen Satz.

Tatsächlich läuft ein Zittern durch den zusammengerollten Körper. Ein leises Pfeifen erklingt, als dringe Luft in einen abgedichteten Raum, und dann beginnt sich das Bündel zu strecken, zu dehnen.

«Set», wiederholt Georgina.




«Es war wie –» Set zögert. Sie sitzen im Schilf am Ufer des Flusses. Set hat erzählt, wie er sich im Bug des Schiffes niederließ, um auf die Rückkehr der Krieger zu warten, nachdem Georgina und Laeg zwischen den Fässern verschwunden waren. Die Stunden zogen sich hin und irgendwann schlief er ein. Als er erwachte, war es dunkel, und er spürte das Schaukeln des Schiffes unter sich. Sie waren auf See.

Set versuchte sich aufzurichten, aber er konnte weder seine Beine noch seine Arme bewegen. Nicht einmal den Mund konnte er öffnen. Auf ihm lag ein schweres Gewicht. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte es nicht verrücken, er war eingeklemmt und plötzlich wusste er, wo er war: Er lag unter Ferdias Sarg. Er hatte keine Ahnung, was geschehen war, aber er lag keine zwei Handbreit von dem toten Freund entfernt, reglos, gelähmt –

«Es war wie sterben», sagt Set. Laeg nickt und Georgina denkt an den Augenblick im Sturm, in dem sie gemeint hatte, sie sei allein auf dem Schiff. War es ein Traum gewesen, hatte auch Set geträumt? Sie erinnert sich, wie Laeg ihr in der Dunkelheit unter dem Segeltuch von dem Kampf erzählte, von den Schatten, in denen alles verschwand.

«Dein Arm? Was ist mit deinem Arm?», fragt sie.

Laeg fasst an die Stelle, an der sein Hemd zerrissen ist.

«Meinem Arm fehlt nichts.»

«Du bist verletzt», beharrt sie.

Laeg streift den ärmel hoch. An seinem Oberarm ist ein roter Einstich, doch die Haut ringsum ist nicht entzündet und die Wunde scheint schon fast verheilt.

«Aber du hast Fieber gehabt auf dem Schiff», meint Georgina ungläubig.

«Ich erinnere mich, dass wir geredet haben», Laeg wirft einen raschen Blick zu Set, «und dann habe ich sie mit einem Mal kommen sehen.»

«Wen?», fragt Set.

«Die Krieger, die Ferdias Sarg trugen. Lange bevor sie die Dünen erreichten, sah ich sie – aus der Höhe, als schwebte ich über ihnen.»

Georgina blickt ihn neugierig an. Laeg berichtet, wie er den Zug der Männer aus der Luft verfolgte, während sie durch das Tal, über die Dünen und auf das Schiff gingen. Sie stellten den Sarg in den Bug und Laeg sah Set darunter verschwinden. Er wollte ihm helfen, aber er konnte es nicht. Er sah noch, wie die Ruderer ihre Plätze auf den Bänken einnahmen und wie das Schiff vom Ufer ablegte, aber dann entfernte er sich immer weiter.

«Und dann?»

«Dann bin ich erwacht. Die Sonne schien und wir waren hier.»

Georgina betrachtet ihn nachdenklich. Sein Bericht kommt ihr bekannt vor. «Dieses In-der-Luft-Schweben und Zuschauen», beginnt sie, «das geschieht, wenn man stirbt.» Es gab Leute, die beinahe gestorben waren, während Operationen oder Unfällen, und die nachher beschrieben, was sie erlebt hatten. Sie hatte mit Alexandra darüber gesprochen und deren Vater hatte gesagt, der Mensch erlebe den übergang vom Leben zum Tod meist als ein Schweben. Er merke, dass er sich nicht mehr bewegen könne, und die Welt werde ihm allmählich fremd.

Ein Windhauch fährt durchs Schilf und Georgina blickt sich um. Gleich nachdem Set erwacht war, haben sie das Schiff verlassen. Der Zug der Männer hatte die Spitze des Hügels erreicht und wieder war es ganz einfach gewesen. Sie liefen die Planken zum Ufer hinunter und da sahen sie das Schilf, in dem sie sich verstecken konnten.

«Wir sind gestorben», sagt Georgina, «und nun sind wir im Tal des Todes.»




Set klatscht sich mit der Hand an den Hals.

«Ich glaube, ich lebe noch. Auf jeden Fall hat mich gerade etwas gestochen.»

«Eine Wassermücke», sagt Laeg.

Set betrachtet seine Hand.

«Du hast sie nicht erwischt.» Laeg deutet auf einen Schilfstängel, an dem ein winziges Insekt sitzt, das empört seine durchsichtigen Flügel putzt. Set will nach dem Tier greifen, aber da dröhnt ein tiefer Ton vom Hügel herab.

«Was ist das?», fragt Georgina erschrocken. Der Ton hallt durch das Tal.

«Das Horn des Todes», erklärt Set.

«Und was machen sie dort oben?» Georgina versucht über das Schilf hinweg die Männer zu sehen. Der Hügel ist vollkommen rund und ganz mit Gras bewachsen.

«Sie geben den Gestorbenen der Erde zurück.»

Georgina denkt an das Loch, das sie im Garten zwischen den Johannisbeersträuchern gegraben hat, um Tara hineinzulegen. Sie hat es mit Heu ausgepolstert und ein Stück des Teppichs aus Dagmars Zimmer dazugetan, den Tara so gerne fraß. Er war sowieso kaputt und ihre Schwester hatte sicher nichts dagegen, dass sie eine Ecke davon abschnitt. Nachdem Georgina das Loch wieder zugeschüttet hatte, legte sie ein paar Steine auf das Grab und Mama sagte, sie könne dort im nächsten Frühling etwas pflanzen, einen Lavendelstrauch zum Beispiel.

«Und was tun sie auf das Grab?», erkundigt sich Georgina und fasst sich an die Wange.

Set schaut sie verwundert an: «Der Hügel ist das Grab. Sie verbrennen den Toten und tragen seine Asche hinein.»

«Man kann in das Grab hineingehen?» Georgina spürt einen Stich direkt unter ihrem Auge.

«Ja. Ein langer Gang führt in den Hügel und in seinem Innern ist eine Grabkammer mit drei Nischen, in denen drei steinerne Schalen stehen.» Set erinnert sich, dass Cathbad erzählt hat, am kürzesten Tag scheine die aufgehende Sonne durch den Gang in die Grabkammer hinein, und danach würden die Tage wieder länger.

«Und in diese Schalen streuen sie Ferdias Asche?»

«Eine der Schalen ist für die Krieger», Set reibt sich seinen Hals, «eine für die Könige und eine für die Weisen.»

«Und die anderen, die Frauen?», forscht Georgina. Der Stich juckt.

«Die haben eigene Grabhügel», erklärt Set. «Dort», er deutet über das Schilf hinweg, «und dort.»

Georgina erkennt die Kuppen von zwei weiteren Hügeln. Set nimmt seinen Bogen und zeichnet mit dessen Spitze eine Schlangenlinie auf den Boden. «Das ist der Fluss Boyne, der durch das Tal des Todes fließt und in dem der Lachs der Weisheit schwimmt.» Am einen Ende der Schlange macht er einen Strich. «Hier mündet der Fluss ins Meer, und hier», er deutet auf eine der Schlaufen des Schlangenbauches, «hier sind wir.» Er zeichnet drei Kreise in den Bauch, «und das sind die drei Grabhügel.»

Georgina schlägt nach einer Mücke, die sich auf ihrem Arm niedergelassen hat. Laeg will etwas sagen.

«Aber es gibt noch viele andere, kleinere Grabhügel», kommt Set ihm zuvor, «und es sind auch nicht alle hier im Tal des Todes.»

Georgina schlägt wieder nach einer Mücke: «Sie sind überall.» «Ja,» meint Set und kratzt sich am Kopf. «Und manche der Gräber sind so niedrig, dass man nur hineinkriechen kann.»

Wieder ertönt der Klang des Hornes auf dem Hügel. Georgina spürt ein Kitzeln unter ihrem Pullover. Noch eine Mücke.

«Aínm an deabhail», stöhnt Laeg.

«Erwischt!» Georgina klaubt das tote Insekt aus ihrem Ausschnitt und schnippt es vom Finger. Der Ton des Hornes hallt den Hang herab.

«Können wir nicht etwas näher rangehen?», fragt Georgina, den Blick erneut auf den Hügel gerichtet. In dem Ton schwingt ein leises Surren.

«Nein», entgegnet Set ungehalten. Die Männer müssen einen Scheiterhaufen aufgebaut haben, auf dem sie Ferdias Leiche verbrennen.

«Aber hier bleiben können wir auch nicht», meint Laeg und schaut in Richtung des Flusses. Das Surren wird lauter.

«Nein», sagt Set.

Die beiden Jungen starren auf den Fluss. Georgina dreht sich um. über dem Wasser schwebt eine Wolke. Sie ist grau und ihre Form scheint sich ständig zu verändern. Georgina beobachtet sie erstaunt. Mit jedem Augenblick wird die Wolke dichter, dicker und sie treibt auf das Schilf zu.

Was ist das?, will Georgina fragen, aber da weiß sie es auf einmal: Das Surren kommt nicht aus dem Horn, es kommt aus der Wolke – es sind Mücken!

«Wir müssen weg hier», schreit sie. «Rasch!» Die Wolke hängt bereits über dem Schilf.

Die beiden Jungen blicken sich um.

«Dort!», ruft Laeg in das Surren. An der Seite des Hanges ist ein Gebüsch. Die Wolke schiebt sich näher. Das Surren ist ohrenbetäubend geworden und Georgina glaubt das Knattern unzähliger durchsichtiger Flügel darin zu erkennen. «Jetzt!», schreit Laeg. Set und Georgina rennen los.

Das Gebüsch ist ein gutes Stück entfernt. Sie laufen, so schnell sie können. über eine kurze Strecke scheint das Surren leiser zu werden, doch dann ist es wieder so laut wie zuvor. Die Mücken folgen ihnen. Das Gebüsch kommt näher, es sind nur ein paar niedrige Sträucher. Georgina kann sich nicht vorstellen, wie sie sich darin vor den Mücken schützen sollen. Die Insekten werden über sie herfallen, sie durch die Kleider hindurch stechen. Sie denkt an den zerfressenen Teppich in Dagmars Zimmer.

Kurz bevor sie das Gebüsch erreicht, blickt sie über die Schulter. Laeg ist einige Schritte hinter ihnen, die Mütze ist ihm in die Stirn gerutscht und er scheint in der Mückenwolke zu schweben.

«Da!» Set hat Zweige von den Sträuchern gerissen und streckt sie Georgina hin.

«Aber damit –» Es scheint lächerlich, sich mit den dünnen Ruten gegen den surrenden Schwarm zu wehren. Der Himmel verdunkelt sich, die Mücken haben sie eingeholt. Das Knattern der Flügel ist jetzt ganz deutlich und die Insekten beginnen auf Georginas Gesicht einzuprasseln. Verzweifelt schlägt sie um sich. Set und Laeg sind nicht mehr zu sehen, so dicht ist die Wolke.

Georgina presst die Lippen zusammen, damit die Mücken nicht in ihren Mund fliegen. Die Zweige biegen sich in ihrer Hand, sie können den Insekten nichts anhaben, so dünn und nachgiebig sind sie. Aber nach einiger Zeit merkt Georgina, dass dort, wo sie mit den Ruten durch die Luft fährt, Striemen bleiben.

Sie bewegt sie langsamer und tatsächlich: Die Mücken sind wie ausradiert. Georgina beginnt Kreise und Zickzacklinien in die Wolke zu zeichnen. Das Surren lässt nach. Sie putzt ganze Flächen weg mit den Zweigen, bis sie Set neben sich erkennen kann, der das Gleiche tut. Er grinst. Nach einer Weile ist die Luft um sie herum klar und sie stehen in dem Mückenschwarm wie in einer hohlen Kugel. Da springt Set in die Höhe und fährt mit seinen Zweigen durch den Rand der Wolke. Das Surren wird zu einem Zischen, der Ball erzittert und mit einem leisen Plop ist er verschwunden.

«Das ist ja –», Georgina betrachtet die Zweige in ihrer Hand.

«Haselnuss», sagt Set. «Es heißt, an diesen Sträuchern im Tal des Todes wuchsen die Nüsse der Weisheit. Sie fielen in den Fluss und wurden vom Lachs verschluckt, der dann ...»

«Vorsicht», warnt Laeg mit gedämpfter Stimme.

Georgina zuckt zusammen. Sie hat vergessen, dass der lange Junge bei ihnen ist, obwohl er nur ein paar Schritte entfernt steht. Laeg deutet mit dem Kopf auf den Hügel. Der Zug der Männer kommt den grünen Hang herab. Sie tragen keine Kiste mehr, aber sie gehen wieder in zwei Reihen nebeneinander, die Krieger mit den Helmen und Rüstungen voran. Set spürt einen Druck in seiner Brust, während er sie beobachtet. Sein ganzes Leben lang hat er gedacht, er werde eines Tages zu ihnen gehören.

«Ist die Beerdigung schon vorbei?», fragt Georgina.

«Ich weiß nicht», sagt Set und auch Laeg schweigt. In die Haselnusssträucher geduckt beobachten sie, wie die Männer auf das Schiff zurückkehren. Ein angenehmer Duft steigt aus den Sträuchern und er erinnert Georgina an etwas. Set erkennt Ibors gedrungene Gestalt in dem Zug, er hinkt ein wenig. Kaum haben die beiden letzten Männer die Planken überschritten, werden diese eingezogen und einer der Ruderer stößt das Schiff mit einer langen Stange vom Ufer ab. Das Segel wird gehisst und das Schiff gleitet den Fluss hinunter.

«Es geht alles so schnell», meint Georgina und auch Set wundert sich. Er hat gedacht, die Beerdigung eines Kriegers würde länger dauern, und er hat das Todeshorn nur zweimal gehört. Oder war das dritte Mal im Surren der Mücken untergegangen?




Als das Schiff in der Biegung des Flusses verschwunden ist, richtet Set sich auf und streckt sich.

«Du bist völlig zerstochen», sagt Georgina und betrachtet die roten Punkte in seinem Gesicht.

«Du auch.»

«Ehrlich?» Sie berührt ihre Wangen und erschrickt. Sie sind voller Buckel und ihre Nase ist geschwollen. «Aber das ist ja ...» Ihre Stimme wird weinerlich. Ihre Nase ist so schon zu groß und nun fühlt sie sich riesig an.

Set nestelt an seinem Köcher herum und auch Laeg schaut weg. Sie muss fürchterlich aussehen mit all den Mückenstichen.

«Wollen wir weiter?», fragt Laeg nach einer Weile. Er muss zu den Leuten gehören, die nie von Mücken gestochen werden.

Georgina nickt und schluckt die Tränen hinunter.

Sie gehen im Schutz der Haselnusssträucher den Hügel hinauf und nach einiger Zeit ist der Eingang des Grabes zu sehen: eine Mauer, die in den Hang gebaut ist, und in ihrer Mitte ein Portal aus mächtigen Felsblöcken. Die weißen Steine der Mauer glitzern in der Sonne.

«Ich dachte nicht, dass es so groß ist.» Georgina ist beeindruckt. «Und so schön!» Um den Eingang herum steht ein Halbkreis aus mannshohen Steinen.

«Und was bedeuten die?», fragt Georgina und zeigt auf den Halbkreis.

Set schaut in die angegebene Richtung und für einen Moment glaubt er, im Schatten eines der Steine Scathachs Gestalt zu sehen. Er wendet sich wieder ab; es ist nicht möglich.

«Die Steine sind da, damit das Grab nicht verschwindet.» «Verschwindet?» Georgina kann sich nicht vorstellen, wie ein Hügel verschwinden soll.

«Es heißt», erklärt Set, während er weitergeht, «die De Danaan hätten die Grabkammern in die Hügel gezaubert.» Georgina hat vom Stamm der Adlergöttin gehört. Sets Vorfahren hatten die De Danaan vertrieben, die nun in Magnel, der Welt der Götter, leben.

«Aber vielleicht sind die Gräber auch viel älter», wirft Laeg ein und wieder ist Georgina überrascht, dass der Junge mit der Mütze da ist. Er bleibt stets hinter ihnen, als fürchte er, sie zu stören.

«Und wenn wir in dieser Welt die Gräber vergessen», fährt Set fort, «verschwinden sie und bestehen nur noch in der andern Welt. Darum haben unsere Weisen den Halbkreis aus Steinen aufstellen lassen.»

Georgina betrachtet den Hügel neugierig. Vor dem Tor liegt ein länglicher Felsblock, der den Eingang schützt, und Georgina glaubt Zeichen darauf zu sehen – Spiralen. Sie greift nach dem Anhänger an ihrem Hals.

«Das sind doch unsere ...»

Aber Set ist bereits so weit voraus, dass er sie nicht mehr hört.




«Haben wir noch lange bis zu diesem Schmied?», fragt Georgina. Hinter dem Hügel sind sie auf eine Straße aus Schotter und festgetretenen Zweigen gekommen, und nun folgen sie dieser.

«Drei Tagesmärsche etwa.»

«Was?», ruft Georgina entgeistert, «aber das ist ja ewig.» Sie hasst Wanderungen, sie sind langweilig und nutzlos und Alexandra bekam stets eine Entschuldigung von ihren Eltern, wenn sie mit der Schule eine Fußtour machten. «Wir müssen einen Wagen finden, der uns mitnimmt. – Oder Pferde!», fällt Georgina ein.

«Und woher sollen wir Pferde bekommen?», fragt Set gereizt.

Georgina hebt die Schultern. Sie gehen zwischen Weiden hindurch, aber es ist kein Vieh zu sehen.

«Man könnte ...», beginnt Laeg, doch Set lässt ihn nicht ausreden.

«Wir gehen zu Fuß», sagt er bestimmt und stapft weiter über den Schotter.

«Aber das dauert zu lange», wehrt sich Georgina. «Bis dahin ist der Druh tot und alles war vergebens.»

«– und wir werden Leuten begegnen auf der Straße», gibt Laeg zu bedenken. Sie schauen sich an.

«Dein Haar», sagt Georgina zu Set.

«Die Leute werden den Sohn des Sonnengottes erkennen», bestätigt Laeg.

Sets Gesicht erstarrt und für einen Moment glaubt Georgina, der Zorn würde ihn wieder packen, doch dann seufzt er nur.

«Wenn du Laegs Mütze anziehst –», schlägt Georgina vor.

Set blickt seinen Wagenlenker an.

Laeg räuspert sich. Mit betretenem Gesicht nimmt er seine Mütze vom Kopf. Georgina holt Luft. Sie hat noch nie so rote Haare gesehen. Laegs Schopf hat die Farbe von gekochten Karotten und seine Augen schimmern grünlich darunter. Set streift sich die Mütze über. Sie ist aus grob gesponnener Wolle und sie kratzt auf der Schramme an seiner Schläfe.

«Gut», meint Georgina. Set kommt ihr kleiner vor und er sieht nun wie ein gewöhnlicher Junge aus. «Dann können wir ja weiter.»

«ähhm –», Laeg zögert.

Auch Set mustert Georgina. «Ich glaube, du solltest ...», er stockt.

«Was guckt ihr mich denn so an?», fragt sie irritiert. «Ich bin wenigstens nicht völlig verdreckt.» An den Kleidern der Jungen klebt noch immer die getrocknete Flusserde.

«Das ist es nicht», sagt Set verlegen, seine Augen ruhen auf Georginas Pullover. Sie blickt an sich herunter und errötet. Der Pullover ist ziemlich eng und wölbt sich ein wenig.

«Ich –», Georgina weiß nicht, was sie sagen soll.

«Bei uns tragen nur Jungen Hosen ...», Set sucht nach Worten, «... aber du siehst nicht aus wie ein Junge.»

Laeg und Set betrachten Georgina schweigend.

«Deine Weste», meint Laeg nach einer Weile.

«Meine Weste?», fragt Set. Laeg trägt nur Hemd und Hosen, Set hat noch den Mantel aus Schaffell, den er brauchen wird, wenn er später allein in den Wäldern lebt.

Widerwillig schlüpft er aus Mantel und Weste.

Georgina zögert. Die Weste ist speckig und riecht nach Tier.

«Also, wenn du sie nicht willst –», beginnt Set verärgert.

«Nein, nein, ich will sie schon.» Georgina nimmt die Weste und streift sie über den blauen Pullover; sie passt genau. Die beiden Jungen mustern sie wieder.

«Und die Haare», meint Set.

«Meine Haare sind in Ordnung.» Georgina hat an Silvester beschlossen, sich die Haare wachsen zu lassen. Sie reichen ihr schon fast bis auf die Schultern und Alexandra sagt, es stehe ihr gut.

«Zu lang», sagt Set.

«Ja, zu lang.» Laeg nickt.

«Also, die Haare lass ich mir nicht abschneiden», entgegnet Georgina empört.

«Das ist auch nicht nötig», lächelt Laeg. Er klaubt ein paar Erdkrusten von seinem Hemd und zerreibt sie zwischen den Händen. Dann spuckt er darauf und knetet weiter, bis ein feiner brauner Brei entsteht. Georgina beobachtet Laeg misstrauisch, doch bevor sie sich wehren kann, fasst er ihr in die Haare und streicht den Brei hinein. Er kämmt die Strähnen mit den Fingern zurück und bündelt sie am Hinterkopf.

Set grinst: «Perfekt!»

Georgina betastet ihre Frisur. Es fühlt sich an, wie wenn sie Gel im Haar hätte, und es ist gar nicht unangenehm. Auch in der Weste fühlt sie sich wohl. Sie lächelt Laeg zu.

«Das macht man mit Pferden, die zu lange Mähnen haben, damit sie ihnen nicht in die Augen geraten.»




Georgina hat das Gefühl, sie seien seit Stunden unterwegs, als einer der anderen Grabhügel vor ihnen auftaucht. Er ist genauso rund und grasbewachsen wie der Erste. Set verlangsamt seinen Schritt. In der Ferne sind Rufe zu hören und das Wiehern von Pferden.

«Vielleicht nehmen die uns mit», meint Georgina hoffnungsvoll.

Set und Laeg schauen sich an, aber Georgina eilt schon davon und nach der nächsten Biegung sieht sie, dass die Straße sich in der Ebene vor ihr teilt. An der Verzweigung stehen Wagen und Leute. Es sieht aus, als warteten sie auf etwas.

«Kommt!», ruft sie den beiden Jungen zu. «Wir können doch wenigstens fragen.»

Die Ebene ist weiter, als Georgina gedacht hat. Nach einer Weile hört sie auf zu laufen und bis sie die Verzweigung erreicht hat, sind die Wagen abgefahren. Nur ein Karren mit zwei großen Rädern, der von einem Esel gezogen wird, steht noch da. Der Esel rupft Gras vom Straßenrand und kaut. Georgina ist nicht mehr so sicher, ob sie mitfahren will, aber der alte Mann, der neben dem Wagen steht, hat sie längst gesehen. Georgina lässt Set vorangehen.

«Ihr wollt mitfahren», meint der Alte, noch bevor Set etwas sagen kann, und kichert. Set hat das Gefühl, er habe die Stimme schon einmal gehört, und sie erinnert ihn an etwas Unangenehmes. Der Mund des Mannes ist zahnlos und Georgina kann das gerötete Zahnfleisch darin sehen. Laeg geht mit prüfendem Blick um den Karren herum.

«Ja», Set zieht an seiner Mütze, «falls Ihr ...» Der Esel hat aufgehört zu kauen und beobachtet sie.

«... nach Norden fahrt», fällt ihm der Alte ins Wort. Er trägt einen fleckigen Mantel und seine Hände sind mit Lumpen umwickelt. Laeg begutachtet die Räder, dann bückt er sich und schaut unter den Wagen. Er besteht nur aus ein paar zusammengenagelten Brettern, die auf der Achse befestigt sind.

«Ja.» Set nickt. Die Lumpen müssen Verletzungen verbergen, eitrige Geschwüre. Georgina betrachtet den Esel. Er ist struppig und so dünn, dass ihm auf dem Rücken die Knochen abstehen.

«Nach Emain Macha zum Beispiel?», sagt der Alte. Laeg richtet sich kopfschüttelnd auf.

«Zum Beispiel ...», antwortet Set zögernd. Ein kühler Wind streift sein Gesicht und er fröstelt mit einem Mal.

«Dann steigt auf!» Der Alte deutet mit der verbundenen Hand auf seinen Karren. Georgina tätschelt den Esel am Hals, aber er beachtet sie nicht.

«Du kannst bei mir vorn sitzen, Kleiner», kichert der Alte ihr zu.

«Wir sitzen alle hinten», sagt Set entschieden und klettert auf den Wagen. Laeg schaut noch einmal unter den Karren, bevor er ihm folgt. Er streckt Georgina die Hand hin, um ihr zu helfen, aber im letzten Moment fällt ihr ein, dass sie sich wie ein Junge benehmen muss, und sie zieht sich mit eigener Kraft auf die Ladefläche.

Der Alte hockt sich vorne auf den Wagen und schnalzt mit der Zunge. Der Esel gibt einen Laut von sich, der wie ein Seufzen klingt. Dann beginnen sich die Räder des Karrens zu drehen. Die Landschaft zieht an ihnen vorbei.

Set betrachtet den Alten von hinten. Unter dem zerfransten Mantelkragen schimmert etwas Weißes hervor. Es scheint ein erstaunlicher Zufall, dass er genau an den Ort fährt, an den sie wollen. Georgina betastet ihr Gesicht. Die Stiche sind immer noch zu spüren, aber ihre Wangen sind nicht mehr so geschwollen und auch ihre Nase hat wieder ihre normale Größe. Sie schaut zu Laeg.

Er sieht älter aus als Set, obwohl er zwei Jahre jünger ist, und in der Abenddämmerung scheint sein Haar wie aus Bronze. Das Tal des Todes liegt hinter ihnen und nun führt die Straße nach Norden.

Die Schramme an Sets Schläfe brennt unter der Mütze. Er wundert sich, wie rasch sie vorankommen in dem holpernden Karren, aber er ist zu müde, um darüber nachzudenken. Auch Georgina schließt die Augen. Eine Weile sieht sie noch Laegs Gesicht vor sich, in dem kein einziger Mückenstich ist.