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Büchergeschichten





Das erste Buch ist aus Licht und Schatten:

it verzagendem Herzen saß der Alchemist vor dem leeren Blatt, und die Erinnerungen bemächtigten sich seiner: Wie er aus dem Fenster eines Freudenhauses zum ersten Mal ihre Gestalt gesehen hatte, wie er vom Pferd gerissen und zur Kirche hinausgestossen worden war, während sie, ohne den Blick von ihren gefalteten Händen zu heben, vor dem Altar kniete. Wie sie ihn dann doch zu sich bestellte, und er stand keine Armeslänge von ihr entfernt, als sie ihre Brust entblößte, die von faulenden Geschwüren zerfressen war: Geh und schenke deine Liebe einer Würdigeren...

Am gleichen Tag war er zu Blanca, seiner Frau, und seinen Kindern zurückgekehrt. Seither hatte er die Gesetze der Gesteine und Gestirne studiert, die Gewohnheiten der Metalle, das Gehabe der Elemente und die Sprachen der Menschen. Er hatte Pilger- und Kreuzfahrten unternommen, Quecksilber in Schwefel verwandelt, Heiden in Christen und Kot in Gold für den englischen König. Dann hatte er sich in die Einöde zurückgezogen, um seine Erkenntnisse aufzuschreiben. Die Sonne verschwand hinter den kahlen Gipfeln, und er legte die leeren Blätter beiseite. Er hatte nicht gewußt, wie schwer es war, Wissen in Worte zu verwandeln.

In dieser Nacht wachte er unter freiem Himmel so wie früher, als er darauf gewartet hatte, daß der tönerne Topf im Ofen zersprang, und der Geier aufflog und rief: Ich bin das Weiße im Schwarzen, das Gelbe im Roten und sage gewiß die Wahrheit... Irgendwann in der Nacht streifte ihn der Geruch verbrannter Myrrhe, und er glaubte, das Eintauchen des Otters im See zu hören, doch er betete unbeirrt weiter. Als er am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Aber auf den Blättern der Büsche ringsum lagen eigenartige Schatten - arabische, hebräische, chaldäische Zeichen...

Von diesem Tag an kratzte der Gänsekiel des Alchemisten unermüdlich über die Seiten, und die, die sein Buch später lasen, sagten, so wie der Vater das Alte Testament und der Sohn das Neue geschrieben habe, so habe der Heilige Geist die Schriften des Raimundus Lullus verfaßt.

Das zweite Buch lag auf dem Grund des Sees:

ines Morgens trug der Wind Glockengeläute in die Burg der Dal Araidhe und Sweeney, der Sohn des Colman Cuar, erwachte. Woher kommt das Läuten? - Das ist Ronan Finn, der fromme Sohn des Bearach, der am See unten den Platz für eine Kapelle vermisst.
Wütend sprang der König von seinem Lager. Eorann, die Königin, griff noch nach seinem Mantel, aber die silberne Spange brach, und er lief nackt zum See. Dort fand er den Frommen, der in seinem Psalter las. Sweeney nahm das Buch und warf es ins Wasser, ein schön gemaltes Buch mit einem Ledereinband. Da kamen Congal Claons Leute und riefen den König in die Schlacht. Auch Ronan ging, um Frieden zu stiften. Als Sweeney ihn auf dem Schlachtfeld sah, warf er einen Speer nach ihm. Der Speer prallte an der Glocke ab, die der Fromme um den Hals trug, und das Gefieder schneite über den nackten König.
Wie ein Vogel sollst du in den Bäumen leben, bis ein Speer dich selbst durchbohrt.
Am nächsten Morgen tauchte ein Otter aus dem Wasser und brachte Ronan den kostbaren Psalter vom Grund des Sees zurück. Da saß Sweeney, der König der Dal Araidhe, bereits in den Zweigen einer Eibe.

Im dritten Buch blühen Rosen:

atürlich bin ich nicht unbefangen, da ich selbst ja ein Schreiber bin, mein ganzes Leben geschrieben habe. Aber gerade das Schreiben hat meinen Blick geschärft, und ich bin sicher, daß das nichts Gutes ist, was da aus Kammern und Kellern kommt, in Blei gefügt, in Papier gepreßt auf tausendfache Weise. Jedes A das Abbild des letzten, jedes B mit bravem Bogen, so künstlich und falsch wie das Gold in den Töpfen der Alchemisten.

Wir hielten die Feder mit Bedacht in der Hand, jeder auf seine Weise, und mit der Tinte floß auch unser Leben auf das Papier. So gaben wir den Buchstaben ihre Gestalt, an Ort und Gesellschaft gebunden, in der sie standen, und jedes Wort erzählte eine Geschichte. Verändert sich nicht auch ein Lied, wenn eine neue Stimme es singt? Und was ist das Wort denn, ohne den, der es schreibt? Die Initialen aber, in der linken oberen Ecke der Seite, bargen die ganze Welt: Himmlische, Heilige, Herrscher und Helden und all jenes, was Worte nicht zu erklären vermögen. über manche Seiten wuchsen Dornenranken, auf anderen blühten Rosen, und in einer Ecke verspeiste ein Otter einen Fisch. Jeder Schreiber schrieb sein eigenes Buch, auch wenn er dieselben Worte benutzte, und kein Schreiber schrieb zweimal das gleiche.

Ir lieben Lút úbertuond úch nit, schrieb der Basler Gerichtsschreiber an einem heißen Sommertag quer über die kostbare Seite, wann es sint nuzuemal Hundtag.

Heute pressen sie die Buchstaben mit Gewalt ins Papier, wie Brandzeichen auf die Hintern verstörter Kühe, und alle Bücher sind gleich. Gewiß wird das Auge erblinden, der Geist erlahmen von der Eintönigkeit dieser Seiten, und das Wissen der Menschen wird sich schon bald in den leblosen Lettern des Herrn Gutenberg verloren haben.

Auf das vierte Buch fällt Tageslicht:

echs Männer um einen Tisch, schwarze Röcke mit weißen Krägen. Unter den schwarzen Hüten fällt ihnen das rötliche Haar auf die Schultern. Einer hat ein Bärtchen am Kinn. Der sammelt die Wunder der Welt, Mineralien, Muscheln und ausgestopfte Tiere, und in seiner Stube riecht es manchmal nach Schwefel. Er gehört noch nicht lange zu ihnen. Ihre Blicke sind offen, ihre Lippen geschlossen, als gäbe es nichts zu erklären, und die Geste des Vorsitzenden, Willem van Doeyenburg, erinnert an diejenige eines ehrlichen Kindes. Nur der Stadthofdiener hinter ihnen, der das Tuch später auf neue Weise färben wird, sieht etwas anderes.

Der Tisch, um den die Tuchherren sitzen, ist mit einem Teppich bedeckt. Sie sind gewohnt, aus vollen Tellern zu essen, und nicht von den silbernen Platten zu reden, die sie Zuhause in Truhen verwahren. Nur wenn der Wind im Winter ihre Mäntel zurückschlägt, ist die Fütterung aus glänzendem Otterfell zu sehen.

Sie erklärten dem Maler, sie müßten wie ihre Vorgänger auf den früheren Bildern um den Tisch herum sitzen, und sie hätten nichts zu verbergen. Er malte ihre Rechtschaffenheit als brennenden Leuchtturm auf ein Bild in der Täfelung, und das Tageslicht fällt schräg in das aufgeschlagene Buch vor ihnen, so wie es auf die Gesichter seiner Heiligen fällt.

Im fünften Buch wimmelt es von Getier:

asanovas Memoiren und Che Guevaras Reden, Caesars, Cellinis und Churchills Werke mit einem Click. Durch Dantes Verse streift Zerberus, und Gulliver hält ein Schaf in der Hand. Moses zerschlägt das goldenen Kalb, Rosinante galoppiert auf die Windmühle zu, und drei Entlein mit Schirmmützen fahren singend zum Camping. All das wird auf dem Bildschirm zu sehen sein, und mit einem Click stehen die Mauern von Troja wieder, Faust schickt den Pudel zum Teufel, und Julia erwacht noch zur rechten Zeit.

Keine vergilbten Seiten mehr, keine verstaubten Regale, keine Buchzeichen, die der Hund davonträgt, und nie wieder eine Cellophanverpackung, die sich nicht aufreißen läßt. Doch wie wird der Otter eine 3,5 Inch-Diskette auf dem Grund des Sees finden?

Das sechste Buch trägt eine junge Frau:

öre, denn der Leopard wird dem Wolf folgen und ihn bedrohen. Der Wolf wird den Wald verlassen und im Wasser leben. Wenn er zurückkehrt, wird er den Leoparden besiegen, und er wird in das weiße Land kommen und ein Schloß bauen auf einer Insel in einem See.

Mit dieser Prophezeiung Merlins beginnt die Geschichte Percevals in einem französischen Manuskript aus dem 14. Jhd., eine Abschrift wohl einer viel älteren, vielleicht der ältesten Gralslegende. Als Perceval zum ersten Mal in der Burg des Fischerkönigs zu Tisch geladen wird, trägt eine junge Frau eine silberne Platte herein mit einem Buch darauf. Doch nur der König kann darin lesen, so hell leuchtet das Buch - und Perceval schweigt.

Als Perceval Jahre später die Gralsburg endlich wieder findet, ist sie nur noch eine Ruine. Der sterbende Fischerkönig teilt Brot und Wein mit ihm, und wieder erscheint die junge Frau mit dem Buch. Diesmal fragt Perceval, und der Fischerkönig erklärt ihm, das Buch enthalte die geheimen Worte Jesu, die von seinem Schüler Didymus aufgezeichnet wurden.

1945 fanden zwei arabische Bauern in einer Höhle in Oberägypten tönerne Töpfe mit Schriftrollen darin. Darunter befand sich eine Sammlung von 114 Versen aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, die als das seit der Zeit der Gnostiker verlorene Evangelium des heiligen Thomas identifiziert wurden. Die Sammlung beginnt mit dem Satz: Dies sind die geheimen Worte, die Jesus der Herr sprach, und die Didymus Judas Thomas aufgezeichnet hat.

Das siebte Buch? Das siebte Buch ist dieses oder jenes. Es ist dick oder dünn, alt oder neu, aber zwischen seinen Deckeln liegt die Welt, und wer in einer warmen Sommernacht von seinen Seiten aufblickt, kann vielleicht den Schatten des Otters am Ufer des Sees sehen.



© Gabrielle Alioth, 1996

(Gedruckt als: "Der Schatten des Otters", in: neue deutsche literatur, Aufbau-Verlag, Berlin, 6/96)