Romane Kinderbücher Weitere Publikationen Leseproben News & Termine Links & Kontakt

Der Entdecker


"Pacific Portrait"
Image provided by James Lahey.
To see more works by James Lahey click here

I

Aus der Luft sah die Insel grau aus. Seit sie aus dem Nebel getaucht waren, flogen sie über Felsen, zugefrorene Seen, abgebrannte Wälder. Irgendwo sah er einen lange, weißen Strand. Die Kollegen von der historischen Fakultät der Memorial University hatten ihm bei seinem ersten Besuch nur das Zentrum von St. John's gezeigt, zwei lange Straßen dem Kai entlang, die einige kürzere kreuzten. Es war schon dunkel gewesen, und in der Bucht schwammen Eisschollen wie erkaltete Fettaugen auf einer Suppe. Später entdeckte er die häßlichen Siedlungen, die an den Stadträndern in die braunen Hügel wucherten, aber da hatte er sich bereits entschlossen, zu bleiben. Erde, Wasser, Feuer und Luft, die Welt bestand überall aus denselben Elementen. Er war spezialisiert auf die Datierung alter Manuskripte.

Er zeigte seinen Studenten Dias von den bemalten Seiten des Evangeliars, an dem er seit Jahren arbeitete. Vor der Küste trieben Eisberge. Nach einiger Zeit hatte er aufgehört, auf die Bedeutung der Worte zu achten und ihr Aussehen betrachtet, die Art, wie der mittelalterliche Schreiber sie aneinander gereiht hatte und was andere daneben geschrieben hatten. Von den Rändern her, dachte er, müßte es möglich sein, den Schleier zu lüften, den Jahrhunderte des Vergessens über die Schrift gebreitet hatten. Im Sonnenlicht schimmerte das Innere der Eisberge bläulich. Im Oktober fiel der erste Schnee und der Winter dauerte bis in den Mai. Nach drei Jahren stand ihm ein Freisemester zu. Da war seine Frau schon in den Süden zurückgekehrt. Das Evangeliar lag im British Museum.

Der Flug von St. John's nach Heathrow dauerte nur dreieinhalb Stunden. An einem Juninachmittag entdeckte er in der dunstigen Londoner Sonne, die durch das Oberlicht des Lesesaals fiel, eigenartige Kratzer auf der Seite, die er studierte, kleine, farblose Risse in der Oberfläche des Pergaments. Er traute seinen Augen nicht, aber ein paar Monate später war es in gewohnter Trockenheit in einer Fachzeitschrift zu lesen. Unter dem Namen des großen Experten stand sein eigener. Lange bevor das Evangeliar geschrieben wurde, hatte jemand dasselbe Pergament für eine andere Abschrift vorbereitet, mit trockener Feder Linien und Zeichen eingeritzt. <> Er hatte die Worte des Hermes Trismegistos sofort erkannt.

Das Flugzeug zog eine Schlaufe über die zerklüftete Küste und setzte zum Anflug an. Das erste Mal, als er an der Nordspitze Neufundlands gewesen war, hatte ihn die Besitzerin des Motels in der vereisten Bucht gefragt, wann er das letzte Mal hier gewesen sei. Sie hatte dichtes, schwarzes Haar, und er lächelte unverbindlich. Doch sie bestand darauf, daß sie ihn schon einmal gesehen habe. Diese klaren, blauen Augen würde sie niemals vergessen. Er hatte sich von Anfang an heimisch gefühlt auf dieser Insel zwischen der neuen und der alten Welt. Und wer konnte sagen, ob das Neugefundene nicht älter war als das Alte, das Vergangene jünger als das Kommende?


II

Das Wasser schlug seit Tagen gleichmäßig gegen die Planken des Schiffs. Er strich sich durch das von Salz und Sonne gebleichte Haar.

Beim ersten Mal hatte das schlechte Wetter ihn zur Umkehr gezwungen. Das wenigstens hatten die Herren in Bristol dem König von England geschrieben, aber alle wußten, daß die Mannschaft sich geweigert hatte, seinen westlichen Kurs zu halten. Schon ihre Väter, hatten die Männer gesagt, seien den isländischen Booten gefolgt, um vor der Küste des Landes zu fischen, das er suchte. Es liege weiter nördlich. Er erzählte ihnen von der Hitze, die Farben und Gerüche veränderte, und sie nannten ihn den verrückten Venezianer.

Das zweite Mal hatten die Bristoler Herren ihm ein kleineres, schnelleres Schiff gegeben, mit weniger Leuten. Sie hatten es eilig, ihren Weg zu den reichen Küsten zu finden. Der Venezianer nannte das Schiff Mattea nach seiner Frau. Vor der Südwestspitze Irlands setzten sie Kurs nach Westen, und niemand wagte, seine Berechnungen diesmal zu bezweifeln, mit den Gesandten der mächtigen Handelsherren an Bord.

Der Venezianer träumte von dem glasigen Flimmern über der Wüste. Eines Morgens weckten ihn Schreie. Das Schiff rollte anders als in den Tagen zuvor, und er wußte sofort, daß sie Land gesichtet hatten. Durch das Fernrohr erkannte er den grauen Fels. Gegen Mittag konnten sie die Wälder von bloßem Auge sehen, und für eine Weile segelten sie einer flachen, weißen Küste entlang. Er hatte erwartet, die Gewürze im Wind zu riechen, der vom Land her wehte, und daß der Sand in der Bucht so fein war wie der auf den Straßen nach Mekka. Die Männer zeigten ihm die Lachse im Bach und die Reste eines grasgedeckten Hauses. Sie sagten, die gleichen Häuser hätten sie in Island gesehen. Die Erde um die morschen Balken war rot. Es war der Tag des Täufers Johannes. Der Venezianer erkannte sofort, daß es nicht das Land war, das er suchte.

Sie fuhren weiter um Landspitzen und durch Buchten. Nachts funkelten die Sterne am Himmel. Die Männer redeten von einer schwarzhaarigen Frau, die sie am Ufer gesehen hatten. Der Venezianer dachte an den Freund seiner Kindheit. Alle Wünsche hatten sie geteilt. Wie er Columbus vor ein paar Jahren in Valencia wieder traf, hieß es, dieser habe die Küste Asiens entdeckt und China von Ferne gesehen. Aber die farbigen Vögel, die er zurückgebracht hatte, stammten aus einer anderen Welt, und sie wußten beide, daß er nur eine Insel gefunden hatte. Der Venezianer hatte den Freund für die Lügen verachtet, die dieser der spanischen Königin erzählte, und die Ehren, die er sich gefallen ließ. Nun hatte er seine eigene Insel entdeckt.

Wie sie wieder nach Bristol zurückkehrten, erzählte die Mannschaft, sie hätten den Weg nach Vinland gefunden, den nur die Isländer kannten, und die Gesandten berichteten, sie hätten die Fische mit Körben aus dem Wasser gezogen. Die Handelsherren waren zufrieden. Das tranige Gold aus dem Meer würde sie so reich machen wie die Spanier. Der König zahlte ihm zehn Pfund, und nach einiger Zeit begann der Venezianer, selbst vom Reichtum des neugefundenen Landes zu reden.

Nun fuhr er mit fünf schweren Schiffen und Vorräten für ein Jahr nach Westen. "Beim dritten Mal glücklich," sagten die Engländer. Die klaren, blauen Augen des Venezianers glitten über den leeren Horizont. Er war sicher, diesmal das Land zu finden, das schon von Ferne nach Gewürzen roch, und in dem der Sand so fein war wie auf den Straßen nach Mekka - das Land, von dem sie als Kinder gesprochen hatten.

(Neufundland, 1996)



(Teil von Der Elch in der Bülacherflasche Rundfunkfeature über Neufundland für SDR et al. 1997, abgedruckt in: text. zeitschrift für literatur/2, 1998)