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Die Erfindung von Liebe und Tod

Three Rivers

Three Rivers. Im Himmel schwebt eine Kette verschneiter Gipfel. Während ich auf sie zu fahre, verschmelzen sie mit dem Horizont und es scheint möglich, sie zu erreichen. Hinter den Häusern der letzten Ortschaft liegen abgeerntete Orangenhaine, dann beginnt die Strasse zu steigen, an vertrocknenden Seen vorbei, verkümmernden Wäldern. Das Haus des Schriftstellers liegt in einer Landschaft aus dürrem Gestrüpp, von der Sonne gebleicht und in den Boden gesunken. Niemand hat das anfahrende Autos gehört. Ich stoße die verzogene Schiebetüre auf und folge den Stimmen.

Das Wort hat so selbstverständlich geklungen, als Georges Freund es aussprach, mit seiner dunklen, verhaltenen Stimme: Geliebter. Ich habe mir nie überlegt, dass es auch eine männliche Form davon gibt.

Der Flur des Hauses ist mit den Schätzen eines langen Lebens gefüllt, Bildern, Büchern, Trophäen, polierten Eiern aus Halbedelstein in tönernen Schalen. Der Autor sitzt in einem Lehnstuhl im Kreis seiner Zuhörer. Er erzählt von dem Thriller, in dem er vor sechzig Jahren Laserstrahlen und Mikrochips erfunden hat. Seine Augen sind trüb und seine Venen winden sich wie Schlangen um seine Handgelenke. Er hat die Transplantation eines Hirns beschrieben, lange bevor die Medizin Organe verpflanzte. Manchmal bricht der deutsche Akzent seine Worte.

«Jede Geschichte, die wir schreiben, ist ein Stück unserer eigenen.»

Er hat sein eigenes Hirn transplantiert, und an manchen Tagen, sagt er, blicke er auf die weißen Gipfel und danke dem Mörder seiner Eltern für das andere Leben, das er hier fand. Ich frage nach dem Wolfmann.

«Der Vater ist mein Vater, der Sohn bin ich», erklärt er, ohne mich anzusehen. Meine Stimme ist immer noch heiser. «Das ist alles.»

Der Sohn verwandelt sich in einen Wolf, um dem Vater zu entkommen. Der Roman wurde in Hollywood verfilmt. Die Frau des Autors lächelt in ihrem Rollstuhl, als erinnere sie sich. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte ausgeht.

Vielleicht hatte mein Vater keine dritte Tochter gewollt, vielleicht wollte ich nicht die dritte sein. Es muss wie ein Zufall begonnen haben, mit einer Geste, einer Berührung. Die Haut war vertraut, der Geruch, das krause Haar auf der Brust. Als die Zufälle sich verdichteten, begriff ich, dass sie mein Leben bestimmten.

Im nächsten Monat wird eine Briefmarke mit dem Wolfmann darauf erscheinen, berichtet der Germanist, so erfolgreich war der Film vor Jahren.

Jemand beginnt eine Liste von dem, was bleibt: Mozart, Goethe, Citizen Kane. «Mein Wolfmann», wirft der Autor im Lehnstuhl ein und alle nicken. «Jeder Mensch», sagt der Greis, «schreibt nur eine große Geschichte.»

Ich spüre Duncans Blick auf mir.

Die mexikanische Hausangestellte erschrickt, als ich in die Küche komme. Sie hat mich nicht gehört und während sie die Krüge, die ich gebracht habe, nachfüllt, schaue ich auf den Garten hinaus. Einst mag er wie eine Oase in der struppigen Landschaft geblüht haben, nun ist er nur noch ein Gerippe. Ich muss mich getäuscht haben, ich werde hier nicht finden, wonach ich suche. Einen Augenblick überlege ich, ob ich ums Haus herum zu meinem Auto gehen und zurückfahren soll.

«Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung vom Paradies», meint der Germanist, als ich mit den vollen Krügen zurückkomme, und seine Augen ruhen auf den Brüsten seiner Kollegin.

«Was hat die Bibel uns in den letzten 2000 Jahren genützt?», fragt der Autor mit erhobenen Händen.

Der Schauspieler vergleicht den Blick seiner neugeborenen Tochter mit dem seines sterbenden Vaters. Ich weiß nicht, ob es seine eigenen Worte oder zitierte sind. In beiden Gesichtern, sagt er, sah er die Spiegelung einer anderen Welt.

Wenn er eine Wahl hätte, erklärt der Autor, würde er lieber fünfzig Jahre länger in dieser Welt leben, als in einer anderen in Ewigkeit selig zu sein. Sein Schädel ist kahl und fleckig.

Der Germanist sagt: «Jeder Mensch will unsterblich sein.»

«Die Kinder von heute», beklagt sich der Schauspieler, «wissen nicht einmal mehr, wer Marlene Dietrich war.»

Der Autor spielt uns ein Klavierkonzert vor, dessen Komponist er nicht kennt. Seine Frau lächelt im Rollstuhl, als wären wir alte Freunde.

Später sitzen wir zwischen den welken Blumentöpfen hinter dem Haus. Die drei Flüsse, die dem Ort den Namen gab, sind vor Jahren versiegt. Es gibt nicht mehr genug Wasser, um die Beete zu gießen, und der Zaun, der für den Hund aufgestellt wurde, ist eingestürzt.

«Pygmalion», sagt der Autor mit unbewegtem Gesicht, als ich ihm meine Frage stelle.

Die anderen stehen abseits und betrachten den Sonnenuntergang. Ich erinnere mich an den roten Band in Philipps Gestell mit Ovids Metamorphosen. Pygmalion fand die lebenden Frauen voller Fehler und begann deshalb, eine aus Elfenbein zu schaffen. Die Statue wurde so schön, dass er sich in sie verliebte. Er brachte ihr kleine Geschenke, Blumen, Muscheln, geschliffene Steine und zog ihr Gewänder an. Er küsste sie, legte sie auf sein Lager. Das Fest der Venus kam und nachdem Pygmalion sein Opfer gespendet hatte, bat er die Göttin um eine Frau, die dem Bildnis gleiche. Venus verstand seinen Wunsch und erweckte die Statue selbst zu Leben.

«... und weich wird´s unter der Hand, des Elfenbeines Erstarrung senkt sich dem Druck der Finger ...» Ich versuche mir vorzustellen, wie sich die Narbe auf Duncans Brust unter meinen Fingern wölbt.

«Ein Wunder?», frage ich, ohne den Hohn in meiner Stimme zu unterdrücken.

«Ein Geschenk», erwidert der alte Mann ernst. «Am Abend», fährt er fort, «kommen die Waschbären aus dem Gestrüpp und fressen die Schüsseln leer, die wir ihnen hinstellt. Sie sind so zahm, dass Henrietta sie aus dem Rollstuhl streicheln kann.» Ich spüre Tränen in mir aufsteigen. Die Augen des Autors wandern zu seiner Frau. Die Wehrlosigkeit des Alters hat einen Schleier über ihre Schönheit gelegt.

«Das Beste, was ich in meinem Leben getan habe», sagt er, « diese Frau zu heiraten.» Ihr Blick ist leer. Ich falte die Hände, als könne ich die Erinnerung an die Berührung bewahren.

Wie wir abfahren, kreisen zwei Bussarde über den Bergen und auf einem Stein am Strassenrand liegt eine Klapperschlange in der Abendsonne wie ein alter Plastikschlauch. Eine Weile folge ich noch dem weißen Kabriolett des Schauspielers, dann nehme ich die Abzweigung nach Süden. Als die Weinberge neben der Strasse beginnen, ist es dunkel. Duncans Haut roch nach feuchtem Holz.








Regina

Wir fliegen mit der Abenddämmerung gegen Westen. Nach Montreal gleiten wir eine Weile über Wasserläufe und Seen, die von milchigen Eishäuten überzogen sind. Dann wird die Erde braun. Die Motorengeräusche haben sich zu einem Rauschen verwoben Ich drehe die Uhrzeiger zurück. In dem blauen Ausschnitt im Kreis der Ziffern zieht der Mond über einen sternenbesetzten Himmel.

Als in der Ferne die Umrisse von Regina auftauchen, zittern sie in der Luft. Es war eine Lagerstelle am Fluss, hatte mir Jack in seinen Briefen erklärt, an der sie mit dem Bau der Stadt begannen, und sie nannten sie zuerst nach dem Haufen von Bisonknochen, den sie dort fanden. Die Erde zwischen den Holzstegen muss matschig gewesen sein, wenn der Schnee im Frühling schmolz, staubig im Sommer, und mit den breiten Vordächern ihrer Häuser versuchten sie sich vor dem unermesslichen Himmel zu schützen.

Bis das Flugzeug landet, ist es dunkel. Jack steht in der Mitte der Gepäckhalle - es gibt keine Abschrankungen hier. Das Lächeln weicht nicht von seinen Lippen, während wir darauf warten, dass mein Koffer auf dem Karussell erscheint. Dann fahren wir durch Alleen, am beleuchteten Parlamentsgebäude vorbei. Jeder Baum hier ist von Menschen gepflanzt, und irgendwo liegt ein künstlicher See.

Das Hotel gleicht einem samtgefütterten, von Kronleuchtern erhellten Palast, als wir es nach der Lesung betreten. Einer der Zuhörer fragte, ob die Figuren in meinen Büchern erfunden seien. Die Studenten waren vollzählig erschienen, wie es Jack versprochen hatte. Ich nannte Namen von äbtissinnen und Königen, Juden, Predigern, Angelus von Florenz, den Apotheker, und ihre erdachten Gesichter zogen an meinen Augen vorbei ... Duncans Ohr glich einer Muschel. Es rührte mich, als ich es zum ersten Mal sah. Ich hätte Worte hineinflüstern können, und vielleicht wären sie in seinen Gedanken aus ihren Hüllen geschlüpft und hätten ihre Flügel ausgespannt.

Das Eis knistert im Glas, das der Barmann vor mich hin stellt. Jack erzählt von seinen Studenten. Als wir aufstehen, streift mein Blick eine zurückgelassene Zeitung auf einem Nebentisch, das Bild einer Frau. Ich kenne sie - Megan, denke ich, wie kommt Megan hierher? Doch dann sehe ich die überschrift.

«So etwas würde hier nicht passieren», sagt Jack. Es ist die tote Frau aus der Pension.

«Sie wissen noch immer nicht, wer sie ist ...» Warum sind mir ihre Züge so vertraut?

«... und auch nicht, wer es war.»

Jacks Worte hallen in meinem Kopf.

«Sie wurde erschossen. Wusstest du das nicht? Die Polizei sucht nach ihrem Mörder.»

Ich kann den Blick nicht von dem Zeitungsbild lösen.

«Sie ist etwa gleich alt wie du», meint Jack, «und das offene Haar, das europäische Gesicht ...» Ich nicke. Sie sieht aus wie ich, wie Megan, wie eine Frau, die vor vierhundert Jahren lebte. Unter dem Bild ist ein Liste von Telefonnummern.

Die Zeiger meiner Uhr stehen auf halb drei, als ich erwache. Das Klingeln wird mit jedem Mal länger. Mein Herz schlägt in einem hohlen Raum. Wie wird Philipps Stimme tönen nach all der Zeit? Als ich nach dem Hörer greife und meinen Namen sage, ist die Leitung tot. Ein elektrischer Schlag, ein Kuss, ein Zauberspruch - ich betrachtete Duncans rundes, etwas zu großes Kinn, die Unterlippe, die er im Schlaf über die obere schob, seine geschlossenen Lider. War es nicht auch andern gelungen, Erdachtes zum Leben zu erwecken, für einen Augenblick wenigstens, im Schutz der Nacht?

Als das Hotel gebaut wurde, trug die Stadt bereits den Namen Regina - zu Königin Viktorias Ehren. Im Bahnhof hielten die Züge der Canadian Pacific Railways, die Ost- und Westküste verbanden, und jene, die ihre Reise hier unterbrachen, wurden in Kutschen durch die matschigen Straßen zum Hotel gefahren. Der mit Gobelin-Imitationen ausgekleidete Lift gleitet gemächlich die Stockwerke hinab. Jack wartet in der Halle vor Schaukästen mit alten Zeitungsausschnitten. Der Morning Leader hatte der Eröffnung des Hotels im Mai 1923 eine Sonderausgabe gewidmet. Auch der automatische Kartoffelschäler, der sekundengenaue Eierkocher und das Röhrensystem des eingebauten Staubsaugers werden darin beschrieben. Ich sehe die zwei aus den Augenwinkeln auf mich zukommen, während ich die verblassenden Bilder betrachte, ein Paar mit breiten Gesichtern, er etwas größer, sie etwas dicker, und ich bin nicht überrascht, dass sie mich ansprechen. Nachdem ich meinen Namen bestätigt habe, zeigen sie mir ihre Ausweise. Jack schaut von einem zum andern. Wir setzen uns in die leere Bar. Die Beamten stellen ihre Fragen höflich, umständlich. Ja, ich kenne die Pension - ich war dort - in jener Nacht.

«Im Zimmer nebenan?», fragt die Frau noch einmal.

Ich nicke. Jack atmet hörbar ein.

«Und haben Sie -», die Frau wird feierlich, «- etwas gehört, das ...»

«Oder etwas bemerkt?», fällt ihr der Kollege ins Wort.

Für einen Moment steigt Lachen in mir auf, so unwirklich hört es sich an.

«Nein.» Ich schüttle den Kopf und denke an die Schritte, die vor meinem Zimmer verharrten. «Nichts.»

Die Beamten machen enttäuschte Gesichter.

«Da war nur ...», ich ahme den Tonfall der Zeugen in Kriminalfilmen nach, und die beiden fixieren mich, «... ein Klappen, wie vom Zuschlagen eines Koffers - nur lauter ...»

Sie nickt.

«Der Schuss», sagt er - die verrutschte Häkeldecke, die nach außen gekehrte Hand ...

«Er hat eine Neunmillimeter verwendet», erklärt der Mann zu Jack gewandt - ich denke an den matten Metallkolben der Pistole.

«Er?», frage ich.

«Oder sie», räumt der Beamte ein und mustert mich.

«Und sonst war nichts? Keine Geräusche, Beobachtungen, besondere ...»

«Nein», sage ich in die Aufzählung der Polizistin hinein.

«Auch nicht, als Sie ankamen, oder am nächsten Morgen?»

Jacks hellblauer Lincoln steht vor dem Hotel in der Sonne. Er löst die Handbremse mit einem Griff unters Steuerrad, und ich zucke zusammen. Ich habe die Bewegung unzählige Male gesehen. Die Beamten wollten wissen, wie lange ich noch in der Stadt bin, und ob ich, wenn nötig, aufs Revier kommen könnte, um meine Aussage zu wiederholen. Die Verkehrsampeln schalten auf Grün, sobald Jacks Wagen sich nähert.

«Ein Zufall», sage ich und sehe die Kopfwunde der Toten vor mir.

Jack nickt und lächelt die Ampeln an.

Ob die Polizei Philipp angerufen hat, um mich zu finden? Die Veranstalter der Lesungen hatten meine irische Anschrift, die meisten wussten, dass ich verheiratet bin, und manche kannten Philipps Arbeit. Ich denke an den Telefonanruf in der Nacht.

Das Land ist flach wie ein Blatt. Wir fahren kilometerlangen Feldern entlang. Wo der Boden nicht von Menschen bewässert wird, erklärt Jack, wird er zur Wüste. Plötzlich öffnet sich eine Rinne vor uns, die ein Fluss in die Ebene gegraben hat. Die Straße senkt sich. Das Tal gleicht einer Gussform im Grund, dem Negativ einer Bergkette. An den Hängen wachsen zerzauste Büsche. Jack steuert über die Brücke und die Strasse auf der anderen Seite hinauf. Auf manchen äckern stehen noch die Stoppeln der letzten Ernte, um den Schnee zu halten, der im Winter über die Ebene weht; die andern sind gepflügt. In ein paar Wochen wird angesät. Jack biegt in einen Weg ein, der zu einer rostrot gestrichenen Farm führt. Aus den Gehegen schauen trächtige Kühe, Muttertiere mit Kälbern. «Verstönd ehr mich?», fragt der Bauer in altmodischem Dialekt und nimmt den Hut ab. Das Band hat eine Furche in seine Stirn gedrückt. Ich nicke. Vor zwanzig Jahren ist er mit anderen Hutterern nach Norden gezogen, um Land zu kaufen, ein Dorf zu bauen, in dem sie nach herkömmlicher Weise leben konnten. Ich frage ihn nach den weißen Lettern auf seiner Scheune, und er wiegt ungläubig den Kopf, als ich von der Burg in Irland erzähle, die genauso heißt.

Unter dem Bild in der Zeitung stand, die Polizei suche nach dem Mörder der Frau, aber nicht, ob sie herausgefunden haben, wer die Tote war. Sie müssen Philipp wollte lesen, was ich geschrieben hatte. Er war gewohnt, den Spuren der Wörter in die Wirklichkeit zu folgen, und er glaubte mir nicht, dass alles erfunden war. Nachts zuckte er im Schlaf neben mir. Es musste Blicke gegeben haben, Berührungen; er verlangte, dass ich mich erinnerte.

Das nächste Flussbett ist breiter und das Wasser zu einem See gestaut. In einem Monat werden die Pelikane hier sein. Jack hält an, und wir steigen aus. An warmen Nachmittagen, sagt er, kreisen sie ohne Flügelschlag hoch in der Luft. In der Ferne strebt eine Büffelherde zum Ufer, und Jack beginnt zu fotografieren. Die Wolken gleiten übers Land, als wollten sie sich an ihm halten. Im Sommer, sagt Jack, kann man hier manchmal das Nordlicht sehen. Auf den Seiten, die Philipp las, hatte ich auch das Rieseln beschrieben, das mir über den Körper lief, als Duncan mich zum ersten Mal anblickte.

Die beiden Beamten sitzen in der Bar, als wir ins Hotel zurückkommen, und ich merke, dass ich sie vergessen habe. Sie grinsen verlegen. Sie trinken oft nach Dienstschluss noch etwas hier. Jack besteht darauf, dass wir uns zu ihnen setzen.

«Ein Kopfschuss», erklärt der Mann vertraulich, nachdem die nächste Runde auf dem Tisch steht - die Blutspritzer auf dem Kissen, auf der verrutschten Häkeldecke, das Gesicht ...

«Und man weiß immer noch nicht, wer sie war?»

Der Mann schüttelt den Kopf.

«Aber jemand muss sie kennen, sie ist von irgendwoher gekommen», wundert sich Jack.

«Manchmal dauert es Jahre», meint die Frau. Jahre, bis jemand mit der Suche beginnt, Miriam, Philipp. Eine Weile wird er meinen Weg aus der Ferne verfolgen, dann wird die Hoffnung schwinden, der Zorn ...

«Und der Täter?», fragt Jack.

Die Frau zuckt die Schultern.

«Nicht mal die Waffe haben sie gefunden. Viele dieser Fälle werden nie aufgeklärt», sagt sie, «und selbst wenn man zum Schluss jemanden für die Tat verurteilt, so heißt das nicht, dass in den Akten die Wahrheit steht.»

Ihr Kollege winkt dem Barmann. Die Frau und ich lehnen ab und er bestellt noch ein Bier für Jack und sich. Eine Weile diskutieren die Beamten über Kaliber, Führungshände, Einschusskanäle. Der Mörder trat ins Zimmer, das Bett war links von der Tür. Er stand direkt neben ihr. Die Mündung berührte sie über dem Ohr. Vielleicht hat die Kälte des Metalls sie geweckt, sie zuckte zusammen und deshalb ging der Schuss schräg -

«Es ist gar nicht möglich, die Wahrheit zu finden», meint die Beamtin resigniert.

Die Hand, die den Schuss abfeuerte, muss von kleinen Blutspritzern bedeckt gewesen sein. Der Barpianist spielt Chopin. Am Tisch nebenan erklärt ein junger Mann zwei Mädchen die Bedeutung von Rosebud. Irgendwo klingelt ein Telefon. Nach einiger Zeit konnte ich mich an das Rieseln auf meinem Körper erinnern, als hätte ich es gespürt.








Tucson

Gleich nach der Grenze kommen die Zweifel. Arizona liegt wie ein zerknittertes Tuch vor mir, Falte um Falte, steinig und braun. Hat George wirklich Tucson gesagt, als er von seiner Reise sprach? Später rücken die Berge an den Horizont, und ich fahre durch Ebenen. Neben der Straße blühen gelbe Büsche, als gäbe es keine andere Farbe. Ein Schild verweist auf das nahe Staatsgefängnis und warnt davor, Anhalter mitzunehmen. In der Ferne steigen Staubsäulen auf. Ich überhole Lastwagen mit halben Häusern, Caravans mit angehängten Autos, die ostwärts fahren. Nach einer Weile gleitet das Land wie im Schlaf dahin und es hat keinen Sinn mehr anzuhalten.

ihr Gesicht am Computer rekonstruiert haben, ihre Züge sind gleichförmig, künstlich. Ich spüre die Wärme der Pistole in meiner Hand. Ich hatte gedacht, der Schuss würde lauter sein.

Kurz vor Tucson bemerke ich den Wegweiser zum Wüstenmuseum und biege ein. Im ersten Raum sind Glasbehälter mit Schlangen, Echsen, Iguanas, die teilnahmslos blinzeln. Dann führt der vorgeschriebene Pfad durch künstliche Höhlen. Die Gesteine darin funkeln im Schein der Spots. Der Grund, auf dem wir leben, erklärt das Schild, ist eine Kruste auf einem Schmelzfluss aus glühendem Fels. Die Fledermaus an der Decke ist ausgestopft, die Kröte seit hundert Jahren mumifiziert. Das Tote ist nicht vom Lebenden zu unterscheiden. Die im Sand zusammengerollte Wildkatze schläft nur.

Im letzten Raum des Wüstenmuseums - hinter dem Geschenkladen voll Plastikspinnen und Indianerschmuck - sind Terrarien mit Unzugehörigem, Ungereimtem: Frösche, die sich nicht von den Steinen unterscheiden, auf denen sie sitzen, Lurche, atmend und schluckend im Wasser liegend. In einem Tank treiben welke Zweige, bis ich in ihren blättrigen Formen Kämme entdecke, Flügel und Flossen. Fast durchsichtig sind die tangfarbigen Körper mit den gerollten Schwänzen, und zuletzt erkenne ich auch die dunklen Augenknöpfe. Irgendwann begannen sich die Begriffe von den Dingen zu lösen, die sie beschrieben. Von da an musste die Existenz eines Wesens bewiesen werden. Das Unbelegbare starb aus, zog ins Reich der Erfindung. Was vor mir im gefilterten Wasser schwimmt, mag Pflanze oder Blendung sein, doch während ich es betrachte, entsteht aus dem Namen auf dem Schild über dem Aquarium das Unwirkliche wieder und ich kann den Drachen sehen. Die Sonne hängt tief, als ich aus dem Wüstenmuseum komme. Meine Ohren rauschen noch immer von der langen Fahrt.

Tucson ist eine Hauptstraße in der Dämmerung. Ich fahre ihr entlang, wende in Tankstellen, vor Supermärkten, von fremden Blicken verfolgt, bis ich das Haus des verstorbenen Dichters finde. Er hat nur das letzte Jahr vor seinem Tod hier gelebt, dann hat die Universität das Haus gekauft. Der Verwalter versicherte mir am Telefon, ich könne bleiben, so lange ich wolle, und er werde mir den Schlüssel unter die Türmatte legen. Eine Weile sitze ich noch in der Dunkelheit hinterm Haus. Es ist Monate her, seit ich zum letzten Mal geschrieben habe. Der verdorrte Garten ist von einer Kakteenhecke umgeben. Dahinter beginnt die Wüste. Wer sich ohne Wasser in ihr verläuft, ist nach ein paar Stunden tot.

Das Haus riecht modrig, als ich es wieder betrete, und einen Moment stehe ich vor dem Schreibtisch des toten Dichters. Die leeren Seiten darauf haben sich im Licht der Sonne gewellt; die Füllfeder steckt in meiner Mappe. Sie läge vertraut in meiner Hand, wie eine Waffe. Ist es möglich, die Liebe zu beschreiben?

Ich schalte durch die TV-Kanäle, bis ich einen Spielfilm finde, den ich kenne. «Die Leute lieben Gott ihr ganzes Leben, ohne ihn jemals zu sehen», antwortet die Geliebte dem Erzähler, bevor sie ihn verlässt. Ich habe Philipp verlassen, um die Geliebte eines Erzählten zu sein. Das Gesicht meines Vaters steht so deutlich vor mir, als wäre er eben hier gewesen. Kann der erste Blick alle andern bestimmen? Bleiben wir bis zum Schluss, was dieser erste Blick in uns sah? Als ich in der Nacht erwache, liegt die Bettdecke des toten Dichters wie ein Körper auf mir.

Am nächsten Morgen steht der weiße Chrysler auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich habe den Wagen vor dem Wüstenmuseum gesehen und vor der Missionskirche. Zwei Männer saßen darin. Sie müssen mir auf meiner Suche nach dem Haus des Dichters gefolgt sein, und vielleicht haben sie die ganze Nacht davor gewartet. Ich stecke die gewellten Seiten, die auf dem Schreibtisch des toten Dichters liegen, in meine Mappe.

Der Chrysler folgt mir mit einer Distanz, als ich mit einer Einkaufstasche zum Supermarkt gehe. Ich warte, bis der Wagen geparkt hat, bevor ich das Geschäft durch den Notausgang verlasse. Im Schutz der Gartenhecken laufe ich zum Haus zurück. Meine Schuhe sind schon nach den ersten Schritten voll Sand. Die Kakteen zerkratzen meine Arme, während ich mich durch die Hecke zwänge, und einen Augenblick überlege ich, ob ihre Dornen giftig sind. Ich packe meine Reisetasche und meine Mappe ins Auto; der weiße Wagen ist nicht zu sehen. Im letzten Moment kommt mir das Foto in den Sinn, und ich knipse den Olivenbaum, der vor dem Haus aus dem sandigen Gehsteig wächst, durch die Windschutzscheibe. Im Licht des beginnenden Tages fahre ich in die Wüste hinein. Es ist mein Geburtstag, die Mitte eines Lebens.








Houston

Die Luft ist schwer und feucht, als ich am Morgen aus dem Bungalow komme. Er steht neben andern an einer nierenförmig geschwungenen Straße. Ich bücke mich nach einem Zweig, der von einem der schütteren Bäume gefallen ist, und ein Schwarm winziger Raupen fällt aus den Blättern. «Hier stirbt nichts», hat die Frau am Empfang des Motels gesagt, als ich die nicht heilende Infektion an der Pfote ihres Hundes betrachtete.

Es sind nur ein paar Schritte zu meinem Auto, doch bis ich die Klimaanlage eingestellt habe, bin ich schweißbedeckt. Der Himmel ist grau über mir. Eine Weile fahre ich durch Parkanlagen und Wälder, dann tauchen die Spitzen der Hochhäuser auf. Die Seiten von Georges Bericht rochen staubig und süß, als ich sie am Abend zuvor aus der Plastikhülle nahm, und sie schienen mit Feuchtigkeit voll gesogen. Das Klima, stand darin, ist heiß im Sommer und kalt im Winter durch die rauen Winde, die von den vereisten Seen herunterwehen.

Irgendwann muss sich der Nebel gelichtet haben, und die Menschen auf Baltimores Schiffen erblickten die Küste. Sie wird anders ausgesehen haben als in ihrer Vorstellung. Die grauen Felsen fielen steil ins Meer und auf den Klippen oben begann schon der Wald. Als sie näher kamen, wurde das Wasser azurblau.

Den Ausführungen der ersten Abenteurer ist nicht zu trauen. Sie hatten ihr Herz auf die Besiedlung gesetzt und sie gebrauchten ihre Fantasie bei der Beschreibung des Landes, damit andere ihnen folgen würden ..., erklärt der stockfleckige Bericht.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich hierher gekommen bin. Während Tagen glitt Wüste an mir vorbei, Tankstellen, Ortschaften, die sich nicht voneinander unterschieden. Am Anfang suchte ich im Rückspiegel noch nach dem weißen Chrysler, doch dann schien mir, ich hätte mir auch ihn nur eingebildet. In jedem Motel, in dem ich übernachtete, gab ich einen anderen Namen an. Mein Gesicht in den Spiegeln über den gesprungenen Waschbecken wurde leerer, das Licht der Wüste schimmerte rötlich in meinem Haar. Irgendwann begann ich den Wegweisern zu folgen, auf denen «Houston» stand. War das der Name, den George erwähnt hatte?

Die erste Kapelle sieht aus wie eine weiße Schachtel, aus der eine goldene Kuppel ragt. Die Fassade ist - gleich einem Buch - einen Spalt geöffnet und führt in einen lichterfüllten Raum. Das schwarze Kreuz, das über dem Altar schwebt, erinnert an einen Vogel. Ich denke an das Tal. In seinem letzten Brief schrieb Philipp, der Weißdorn blühe, der Bach sei wie in jedem Frühling über die Ufer getreten, und die alte Rose an der Südwand des Hauses schlage wieder aus. Aber ich weiß, dass sie an einem anderen Ort blüht. Die Kapelle ist mit Kerzenstöcken und Blumensträußen gefüllt. Alte Frauen und Mädchen knien vor einer Marienstatue, und eine Weile lausche ich ihren Gebeten.

Die zweite Kapelle liegt hinter einer Betonmauer. Eine Folge von Türen entwöhnt die Augen dem Tageslicht, und dann stehe ich in der Dunkelheit vor den gestohlenen, zerstückelten und wieder zusammengefügten Fresken. Sie stammen aus Zypern. Im Faltblatt ist das Foto einer kleinen Kapelle im Schatten einiger kleinblättriger Bäume. Auf Zypern hat Pygmalion gelebt. Mit Gips und Farbe wurden die byzantinischen Fragmente, die ein Mäzenatenpaar den Dieben abkaufte, auf Glasfaser, Musselin und Leim wieder zusammengefügt. Wenn die Sonne auf das Elfenbein schien, mussten die Lippen von Pygmalions Statue so warm sein wie echte. Das Gesicht des Erlösers ist makellos. Dreimal ließ Venus die Flamme auf ihrem Altar aufflackern und Pygmalion wusste, dass sie seinen Wunsch erfüllt hatte. Die Augen des Allmächtigen erkennen alles und sehen doch nichts.

Die dritte Kapelle ist verschlossen. Aus dem Teich davor ragt ein umgekehrter Metallobelisk, und über dem Wasser kreisen Mücken. Ich rüttle an der Tür. Im Innern hängen Rothkos Bilder, dunkle Rechtecke, deren Töne nur zögernd, im Wunsch des Betrachters mehr als in Wirklichkeit, sichtbar werden. Kurz nachdem der Maler die Serie beendet hatte, schluckte er Tabletten und schnitt sich die Venen auf. Er habe das Erhabene gesucht, schrieben die Kritiker nach seinem Tod. Galeristen und Erben stritten sich während Jahrzehnten um den Wert der Darstellungen seines Scheiterns. Die Kratzer auf meinen Armen pochen noch immer in der feuchten Wärme der Stadt. Die nicht heilende Infektion an der Pfote des Hundes fällt mir ein.

Ich hatte gehofft, der greise Autor in Three Rivers wisse einen Weg. Seine Liebe zu Henrietta war nicht an Raum und Zeit gebunden. Ein Geschenk, hatte er es genannt. Du weißt selbst nicht mehr, was wirklich ist und was erfunden, hatte Philipp gesagt. Wenn das Erfundene nicht wirklich wurde, so konnte ich das Wirkliche doch erfinden. Warum soll der Schreiber nicht zum Beschriebenen werden? Ich denke an das von der Kugel zerstörte Gesicht, das rekonstruierte Bild in der Zeitung, die ähnlichkeit -

Ich entdecke die beiden Männer vor dem Motel, bevor ich in die Einfahrt einbiege, und fahre weiter. Meine Reisetasche ist noch im Bungalow. Die Mappe liegt auf dem Sitz neben mir. Seit ich die leeren Seiten eingesteckt habe, trage ich sie mit mir herum. Nach einer halben Stunde bin ich auf dem Flughafen. Die Insel ist voller Berge und undurchdringlicher Wälder, steht in Georges Bericht, der Hafen ist der kälteste im Land - und doch hielten sie es für das Paradies.








Der Sommer - Neufundland 1628

Baltimores Sommer in Neufundland verlief nicht so ruhig, wie er gehofft hatte. Kaum hatte er sich mit seiner Familie im Herrenhaus eingerichtet, kaperten französische Piraten in einer Bucht im Norden zwei englische Kabeljaufänger. Baltimore bemannte seine eigenen Schiffe mit allen verfügbaren Siedlern, und die Franzosen kappten die Taue, als sie den Gegner kommen sahen. Ihre Beute ließen sie mit einem Teil der Besatzung an Land zurück. Baltimore nahm die Leute gefangen. Die Piraten griffen noch einmal an, wieder jagte Baltimore ihnen vergeblich nach. Danach verbündete er sich mit dem Kapitän eines Kriegsschiffes, das vor Neufundland kreuzte, und segelte nach Süden. Sechs französische Fischerboote brachten sie auf und schickten sie mit ihrer Ladung von Fisch und Tran nach England. Im August schrieb er erbittert: Ich kam, um zu bauen, zu siedeln und säen, aber ich bin verdammt dazu, mit Franzosen zu kämpfen.

Duncan brachte ihr eine Feder zurück. Er hatte sie von einem französischen Gefangenen bekommen, den er vom Wundfieber heilte. Die Feder war grün, im Sonnenlicht glänzte sie in allen Farben. Duncan erklärte, der Vogel komme aus dem Himmel, ernähre sich von Tau, und er berühre die Erde nie. Der Franzose hatte sein fußloses Gefieder gesehen. Paradiesvogel hatte er ihn genannt. Megan legte die Feder in ihr Gebetbuch. Sie wusste, dass Nicholas sie dort finden könnte, aber sie zu verstecken, wäre sie wieder zu verlieren. Sie betrachtet die Feder nicht oft, aber jedes Mal, wenn sie das Gebetbuch sieht, denkt sie an das grünliche Schimmern zwischen seinen Seiten.

Die Siedler hatten Baltimore nicht geglaubt, als er sagte, er werde die Franzosen vertreiben, doch als die Piraten dann vor ihnen flohen, zögerten sie nicht, mit ihm nach Süden zu segeln, um sich an den Landsleuten der Angreifer schadlos zu halten. Die Frauen arbeiteten weiter in den Hütten zwischen den Tonnen voll rottender Fischlebern. Nach und nach gossen sie den Tran ab. Die Besatzungen der Kabeljauschiffe redeten von Heimkehr, wenn sie einen neuen Fang in den Hafen brachten. Die trocknenden Fische lagen rings um die Bucht und auch auf der Südseite der Landzunge. Die Männer sagten, kein anderer Küstenstreifen eigne sich so wie dieser, mit seinen flachen, steinigen Ufern. In ein paar Wochen würde der Sommer vorüber sein. Mit jedem Fass Stockfisch, das sie bezahlten und mitnahmen, verbesserten sich die Aussichten der Siedler, die bevorstehende Kälte zu überstehen.

Megan überlegte, ob Duncan seiner Frau auch eine Feder mitgebracht hatte. Sie trafen sich, so oft sie konnten, in der Hütte im Süden. Einmal waren die Decken zerwühlt, als Megan kam. Sie gingen stets auf getrennten Wegen, und wenn sie sich in der Siedlung begegneten, wichen sie einander aus. Duncan war nicht mehr so sorglos wie zu Beginn. Wenn jemand von ihren Treffen erführe, sagte er, würden seine Patienten ausbleiben. Aber Megan wusste, dass er an die Kinder dachte. Duncans Schwiegervater war ein königlicher Beamter. Gewiss hatte er es nicht gerne gesehen, dass seine Tochter einen Katholiken heiratete, der seinen Beruf nur auf einer Insel der Neuen Welt ausüben konnte; der Großvater würde seine Enkel zu schützen wissen. Duncans Frau hatte ein Mädchen eingestellt, das kochte und wusch, während sie selbst im Herrenhaus bei Lady Baltimore saß. «Die gehen », sagte Hanna, «sobald sie einen Grund findet.» Megan schüttelte die zerwühlten Decken und breitete sie wieder aus, ohne Duncan etwas zu sagen. Vielleicht war es auch nur ein Tier gewesen.

Die Zeit hing wie ein loses Tau zwischen ihren Treffen mit Duncan. In den ersten Tagen danach war Megan stets voller Zuversicht, und manchmal dachte sie, sie müsse ihn nicht wiedersehen, um glücklich zu sein. Dann begann sie ihn zu vermissen, zu zweifeln. In den schlaflosen Nächten überlegte sie, wie sie sich seiner versichern könnte. Ein paar Worte von ihm würden genügen. Sie könnte sie mit sich nehmen, in ihrem Kopf tragen wie ein Pfand. Sie schob Nachrichten unter seinem Fenster hindurch, Wünsche, Bitten, aber er antwortete nicht. Wenn die Verzweiflung sie packte, stellte sie sich vor, sie klopfe an seine Tür, trete ihm auf der gepflasterten Straße in den Weg, aber sie tat es nie. In den letzten Tagen vor dem Wiedersehen war die Angst mit einem Mal weg. Sie wusste nicht, ob er kommen würde, und es war auch nicht mehr wichtig. Sie würde eine Weile in der Hütte warten, bevor sie in die Siedlung zurückginge. Sie hatte all die Jahre ohne ihn gelebt, sie würde es auch weiterhin können.

Und dann war auch das vorbei. In Duncans Gegenwart waren die Zweifel, die ängste, die sie über Tage geplagt hatten, nicht mehr als der Nachhall eines schlechten Traumes. Sie war sicher -

Ich streiche die letzten Wörter durch. Es ist windstill, als ich aus dem Haus komme. Vor der Bucht liegt ein Boot, das Meer ist glatt, und die Landzunge ragt wie der Rücken eines riesigen Fisches daraus empor.

Während ich dem Strand entlanggehe, überlege ich, wie sie das Salz aus dem Meer gewannen. In einem seiner Briefe schrieb Wynne, ihr Salz gehöre zum Besten, das er gesehen habe. Haben sie das Meerwasser in Salzbeete geleitet und es verdunsten lassen? Schien die Sonne hier je stark genug? Oder gossen sie es in flache Holztröge, die sie am Strand aufstellten, mit Deckeln zum Schutz vor dem Regen? Oder war auch das erfunden, wie vieles andere, das Wynne in seinen Briefen beschrieb: das milde Klima, der fruchtbare Boden, die saftigen Weiden.








Die Kälte - Neufundland 1628

Megan geht mit einer Decke über den Schultern in der Hütte auf und ab, bis Duncan kommt. Sein Gesicht ist kalt und die Falten unter seinen Augen sind nass von Tränen. Eine Weile hängt sein Atem noch in der Luft. Megan spürt seinen Herzschlag, als sie mit der Hand unter seine Weste fährt.

«Das Herz ist nur eine Pumpe», sagt Duncan, «die das Blut durch die Arterien strömen lässt.» Die Venen, in denen es dann durch den Körper zurückfließt, sind mit kleinen Schleusen versehen, wie Klappen an Musikinstrumenten, die es daran hindern, sich in Füßen und Händen zu sammeln, während sich Kopf und Oberkörper entleeren. Duncan erzählt, sein Freund William Harvey habe lebende Tiere aufgeschnitten, Fische, Frösche, Kröten, aber auch Hunde und Schweine und die Leichen frisch Gehängter, und das Blut durch die Gefäße rinnen sehen, vom Schlagen des Herzens getrieben.

«Es ist immer das gleiche Blut», sagt Duncan, «das unter der Haut fließt, und es kehrt immer wieder zum Herzen zurück, so wie das Wasser in Wolken aus dem Meer aufsteigt und als Regen über Land, Bäche und Flüsse ins Meer zurückkehrt.»

«Und wenn es stillsteht?»

«Dann stirbt der Mensch.»

Als sie aus der Hütte kommen, fällt Schnee.

«Wir müssen einen anderen Ort finden», sagt Megan. Die Schneeflocken fallen gemächlich in kleinen Wirbeln, und das Meer liegt fremd unter dem weißen Stöbern.

«Ja», sagt Duncan, nicht mehr.

Megan scheint es, er warte nur darauf, sich von ihr zu trennen.

Megan riecht den Schwefel, sobald sie das Lagerhaus betritt, aber Wynne ist nicht da. Hanna hat ihr erzählt, die Katholiken unter den Männern träfen sich am Abend in der Schmiede. Sie rauchen und reden. Eine Weile steht Megan in der Dunkelheit. Wynne hat von Anfang an hier gewohnt, in dem Verschlag in der Ecke, und auch als die Häuser fertig waren, blieb er. Von den Fenstern des Lagerhauses aus sind die kahlen Hänge der Bucht zu sehen, das Meer, als gäbe es die Siedlung nicht. Ob auch Duncan am Abend in der Schmiede ist? Es muss eine Bemerkung gewesen sein, die Art, wie Duncan den Namen des Verwalters aussprach, die sie darauf brachte, dass die beiden sich von früher kennen. Megan denkt an den Topf im Feuer, die Narbe auf Duncans Brust. Ein Schnaufen lässt sie zusammenfahren, als sie wieder in die Nacht hinaustritt, und im ersten Augenblick erwartet sie, Wynne zu sehen, aber es ist nur ein schwarzer Hund, der zwischen den leeren Fässern auf der Hafenmauer herumstreunt.

«Du musst mir helfen», sagt Megan am nächsten Morgen zu Wynne. Er kommt eben aus dem Verschlag in der Ecke des Lagerhauses, und die Tür hinter ihm steht ein Stück weit offen. Megan sieht eine Bettstatt, Gestelle mit Büchern und einem großen, gedrehten Schneckengehäuse. Wynne schweigt. Megan zögert:

«Duncan und ich -»

«Ich weiß», sagt Wynne.

Etwas an der Schnecke auf dem Gestell ist sonderbar.

«Du musst mir helfen», wiederholt Megan.

«Ich kann dir nicht helfen.»

«Du hast andern geholfen.» Megans Blick wandert immer wieder zu der Schneckenschale.

«Das war früher.» Wynne lächelt, und sein Gesicht gleicht für einen Augenblick dem eines Knaben.

«Aber du kennst die Worte, die Sprüche noch.» Sie ist sicher, dass sie die Schnecke schon einmal gesehen hat.

«Liebe lässt sich nicht zaubern, sie wird aus sich selbst.» Wynnes Stimme ist so nahe, als käme sie aus ihrem Kopf.

«Ich liebe ihn», sagt Megan leise.

«Dann lass ihn gehen.»

Mit einem Mal weiß sie, was mit dem Schneckengehäuse ist: Es windet sich in die falsche Richtung, von Westen nach Süden, als laufe die Zeit zurück.

Eines Morgens muss das Wasser in der Bucht trüb gewesen sein. Der Himmel blieb grau und der Schnee, der im Schatten der Häuser lag, knirschte unter ihren Schritten. Träge schaukelten die milchigen Wellen gegen die Hafenmauer, die weißen Ränder am Strand wuchsen, und gegen Abend begann es wieder zu schneien. Graue Brocken formten sich in der Bucht, schoben sich zusammen, und in der Nacht gefror das Meer. Es war der kälteste Winter, den sie je erlebten. über Monate waren Wasser und Land unter Eis begraben, die Wälder undurchdringlich, die Luft zu kalt zum Atmen. Sie hockten hinter den vernagelten Fenstern in der Dunkelheit ihrer Häuser wie in Höhlen. Ihre Haut verfärbte sich, ihre Gaumen begannen zu bluten, und wenn die Geschwüre an den Beinen aufplatzten, heilten sie nicht mehr. Hühner und Gänse erfroren. Die Schweine hatten sie schon im Herbst geschlachtet. Die Vorräte wurden knapp. Die Hälfte der Siedler erkrankte. Das Herrenhaus wurde zum Spital, neun Menschen starben. Meine Feder kann nicht beschreiben, was wir erlitten haben, klagte Lord Baltimore in seinen Briefen.

Vielleicht gelang es Megan, Duncan am Anfang des Winters noch einmal zu treffen, in einer der Fischhütten oder im Lagerhaus, nachdem Wynne verschwunden war. Eines Morgens merkten die Siedler, dass sie den Verwalter seit Tagen nicht mehr gesehen hatten. Manche erinnerten sich an die Ledergürtel mit den polierten Knochenstücken, die er von der Jagd mitgebracht hatte, und sagten, er sei in die Wälder gegangen. Andere meinten, er habe in einer der Buchten im Norden ein Schiff gefunden, das ihn in die Alte Welt zurückbrachte. Später stand in den Berichten, Baltimore habe ihn entlassen, weil er seine Arbeit nicht ordentlich verrichtet habe. Keiner außer Megan hatte die bläulichen Tätowierungen gesehen, die sich wie Schlangen um Wynnes Handgelenke wanden. Sie schaute noch eine Weile nach dem schwarzen Hund aus, aber sie sah ihn nicht mehr. Der Wind trieb die Kälte unerbittlich in die Bucht, und das Leben erstarrte.








Der Brunnen - Neufundland 1628

Nicholas sitzt am Tisch und blättert in der Bibel. Vor vier Tagen hat es aufgehört zu schneien. Wolkenfetzen treiben über dem Meer, der Himmel darüber ist immer noch grau. Die Männer haben einen Pfad zum Brunnen geschaufelt. Der Schnee reicht bis zu dem gemauerten Rand, der Brunnen ist nur noch ein Loch im Boden, aber die Frauen kommen wieder mit Eimern den Hang herauf. Megan denkt an die Beete. Sie wird erst in Wochen mit der Arbeit beginnen können, und wer weiß, was von den Pflanzen geblieben ist, dennoch erfüllen die Stimmen der Frauen am Brunnen sie mit Zuversicht.

«Gezählt, gewogen und zu leicht befunden», sagt Nicholas. «Weißt du, dass Daniel der erste Prophet war, dem der Untergang der Welt offenbart wurde, lange vor Johannes?»

Megan schüttelt den Kopf. Nicholas liest: «Und zur Zeit des Endes wird sich der Herr des Südens gegen den Herrn des Nordens auflehnen und dieser wird mit Wagen, Reitern und Schiffen gegen ihn anstürmen und seine Länder überschwemmen.» Wenn der Schnee geschmolzen ist, wird Megan auch Duncan wiedersehen. Der Gedanke an ihn sitzt wie ein unheilbares Leiden in ihr.

«Der König selbst hat Daniel aus der Löwengrube geholt», sagt Nicholas.

Kinderstimmen klingen vom Hang herab. Megan sieht ein kleines Mädchen im Schnee, es rennt, es lacht. Es sollte nicht lachen, Megan erstarrt. Der Schrei kommt aus dem Mund einer Frau. Das Kind ist verschwunden. Bis Megan beim Brunnen ist, stehen die Frauen jammernd und rufend um ihn herum. Zwei laufen den Hang hinunter zur Siedlung. Ihr Haus, denkt Megan, wäre näher gewesen. Sie zwängt sich zwischen den Klagenden hindurch, obwohl sie weiß, dass es im Schacht dunkel ist.

Die Zeit dehnt sich. Endlich kommen die Männer mit Seilen und Laternen. Megan erkennt Duncans schwarzen Schopf unter ihnen. Die Frauen schluchzen. Eine Möwe fliegt lautlos über die Bucht. Joans Sohn wird in den Schacht hinuntergelassen.

«Ruhe!», ruft jemand. Das Schluchzen erstickt. Nicholas steht neben ihr. Der Priester steigt mit wehender Kutte den Hang herauf. Megan versteht die dumpfen Laute nicht, die aus dem Schacht dringen.

«Ruhe», ruft es nochmals. Es muss Baltimore sein. Das Rad am Galgen knirscht, unendlich langsam dreht es sich, und einen Augenblick hofft Megan, es würde sich ewig weiterdrehen. Dann taucht der Zipfel eines Bündels auf.

Sie betten das Mädchen in den Schnee. Sein Kopf liegt seltsam schief. Megan kennt es nicht, es muss sieben, acht Jahre alt sein. Gleich alt, denkt sie, gleich alt, wie meines heute wäre; sie hat es nicht vergessen. Duncan beugt sich nur einen Augenblick über den kleinen Körper. Der Priester zieht einen Schal aus seiner Kutte, ein Fläschchen. Nicholas sagt etwas, zu laut. Einige der Frauen knien nieder. Die Bucht ist von Gebeten erfüllt. «Daniel», denkt Megan.



(Auszug aus «Die Erfindung von Liebe und Tod», Roman, Nagel & Kimche, Zürich, erschienen im Herbst 2003)