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Das Haus meiner Mutter





Sie vergisst Dinge, Namen, Verabredungen. Wenn sie am Morgen erwacht, denkt sie, vor dem Fenster liege das Dorf ihrer Kindheit und unter ihr arbeitete ihr Vater in der Backstube. Manchmal vergisst sie den Wohnungsschlüssel. Dann steht sie vor der verschlossenen Türe, bis die Nachbarin heimkommt. Die Nachbarin bittet meine Mutter zu sich in die Stube und ruft mich an. Nicht einmal eine Tasse Tee offeriert sie mir, sagt meine Mutter, wenn ich dann mit dem Ersatzschlüssel komme; und die Bilder, die sie hat ...

Ich fahre mit meiner Mutter in das Dorf ihrer Kindheit. Es ist Teil einer Stadt nun. Das ist der falsche Weg, sagt meine Mutter. Ich fahre weiter. Ich bin hier aufgewachsen, beharrt sie. Ich wende am Ende der Sackgasse.

Das Haus, in dem die Bäckerei meines Grossvaters war, steht noch. Warum sind wir nicht über den Rhein gefahren?, fragt meine Mutter. Hinter den hohen Geländern der neuen Brücke ist der Fluss nicht mehr zu sehen. Schau, unser Leiterwagen; mit dem haben wir das Brot ausgetragen. Er steht auf dem Gehsteig zwischen Töpfen mit Sonnenblumen. Die Leute, denen das Haus heute gehört, haben ein Restaurant daraus gemacht. Die Wohnstube ist jetzt ein Billardzimmer, erklärt meine Cousine. Sie ist selbst in dem Haus grossgeworden, Jahre nach meiner Mutter. übers Wochenende spielt eine Jazzband. Das Restaurant öffnet erst um sechs Uhr abends. Durch ein Fenster blicken wir in die rot gestrichene Backstube, in der Tische und Stühle stehen. An einem Samstagabend während des Krieges brachte ihr Bruder eine Schar Soldaten nach Hause. Meine Mutter war ein junges Mädchen damals, ihr Haar zu einem Zopf geflochten. Wie jeden Samstag hatte sie die Backstube geputzt. Die Soldaten baten sie auf dem Klavier zu spielen, und sie sangen zu ihrer Begleitung bis in die Nacht hinein.

Ein neuer Weg aus Resten polierter Steinplatten führt um das Haus herum in den Garten. Auch hier stehen Tische und Bänke. Gras wächst im Kies. Die äste der Bäume sind gestutzt, um Licht einzulassen. An den alten Johannisbeerstauden hängen blasse Beeren. Neben einem Baumstamm steht ein blauer Elefant mit einem Geranientopf auf dem Rücken. Das gehört schon zur Gärtnerei, sagt meine Mutter. Die Cousine erinnert sich an den Gärtnershund. Jedesmal wenn sie vorübergingen, schoss er aus seiner Hütte und jagte ihnen nach, bis das Halsband ihn würgte. Sie wussten genau, wie lang die Kette war. Wer Mut hatte, rannte näher an der Hütte durch. Meine Mutter blickt am Haus empor. Vor der Türe zur Küche hängt ein Vorhang aus Glasperlen. Das Essen ist gar nicht schlecht, sagt meine Cousine. Ich lese die handgeschriebene Speisekarte, die auf einem der Tische liegt: Couscous, Curry, Tomaten mit Mozarella und Basilikum. Welches ist mein Zimmer?, fragt meine Mutter.

Einer unsichtbaren Grenze entlang gehen wir durch den Garten zu den Scheunen am Ende des Grundstücks. Hier begannen die Beete der Gärtnerei, sagt meine Cousine. Meine Mutter blickt durch eine offene Türe in einen kleinen Verschlag. Die Cousine schnüffelt: nur ein Mehlmagazin kann so riechen. Am Boden liegen zerschlagene Blumentöpfe. Meine Cousine erzählt wie die Gärtnersfrau, wenn sie im Sommer die Beete goss, den Schlauch auf die Bäckerskinder im Garten nebenan richtete. Als ihr Bruder grösser war, nahm er der Nachbarin eines Tages den Schlauch aus der Hand und spritzte sie ab. Es sieht's keiner, sagte mein Vetter. Er gleicht meinem Grossvater. Er hinkte, sagt meine Mutter.

Neben dem Mehlmagazin ist ein hölzernes Tor. Das war die Garage. Mein Grossvater war der erste im Dorf, der ein Auto besass, einen langen, schwarzen Wagen, mit Speichenrädern und einem offenen Verdeck. Als meine Mutter zur Erholung fort musste, fuhr er sie ins Toggenburg. Damals war sie 17. Wir schauen auf die schmale Strasse, die dem Gartenzaun entlang in die Garage führt. Eines Nachts rannte er uns nach, sagt meine Mutter. Grossvater? Nein, der andere - ... Meine Mutter kann den Namen nicht sagen.Ich sehe eine Gestalt mit einem erhobenem Arm zwischen den Schatten der Bäume. Sie hatte einen der Soldaten an einem Musikabend bei einer Schulfreundin wieder getroffen. Er begleitete sie nach Hause. Sie gingen dem Rhein entlang, obwohl es Winter war. Dann standen sie auf dem Strässchen hinter dem Garten und schwatzten. Er beobachtete uns die ganze Zeit, sagt meine Mutter. Meine Cousine erinnert sich, wie sie nachts die Treppe hinaufschlich. Die drittoberste und die zweitoberste Stufe knarrten. Solange das Schnarchen im Schlafzimmer nicht aufhörte, war sie sicher. Er war neidisch, sagt meine Mutter. Einmal, fährt meine Cousine fort, verpetzte die Gärtnerin mich, und ich bekam drei Monate Hausarrest. Die beiden Häuser sind ineinander gebaut. Das Mädchenzimmer war über der Küche der Gärtnerei, das Schlafzimmer der Gärtnerei über ihrer Wohnstube. Er hörte alles, sagt meine Mutter. Ich stelle mir vor, wie die Lieder der Soldaten durch die Stubendecken in das fremde Schlafzimmer dringen. Immer wieder hatte mein Grossvater versucht, die andere Hälfte des Hauses zu kaufen.

Das Waschhaus. Meine Mutter deutet auf den hintersten Teil der Scheune. Sie musste oft noch nach Ladenschluss die Schürzen und Kittel einweichen. Am Tag blieb keine Zeit. Als sie an jenem Frühlingsabend aus dem Waschhaus kam, war es schon dunkel. Vielleicht stand er im Schatten des Stammes, wo jetzt der blaue Elefanten steht, oder zwischen den Beeten, in denen damals noch junge Obstbäume wuchsen, Birnen, Kirschen und Aprikosen. Er hatte die Hände schon am Hosenladen, sagt meine Mutter. Wer, fragt meine Cousine. Eben der - ... Den folgenden Sommer verbrachte meine Mutter im Toggenburg. Als sie zurückkam, war ihr Haar kurz geschnitten. Der junge Soldat schrieb noch ein paar Mal. Seine Einheit war verlegt worden. Meine Mutter sucht noch immer nach dem Namen. Es muss eine Weile gedauert haben, bis sie die Gestalt in der Dunkelheit des Gartens entdeckte. Gewiss war sie da schon mehrere Schritte vom Waschhaus entfernt, die Türe hinter ihr verschlossen, die Lichter im Haus mit einem Mal unerreichbar. Der Teufel, sagt sie plötzlich. Meine Cousine und ich blicken uns an.

Von der anderen Strassenseite schauen wir noch einmal auf das Haus zurück. Wenn die Zufahrt zur Brücke erweitert wird, werden sie es abreissen. über der Türe steht in modernen Lettern: Eden II. Was für ein Witz, sagt meine Cousine, dass sie das Restaurant nach der Gärtnerei genannt haben. Ich denke an die dunkle Gestalt im Garten mit den Hosen um die Knie, stolpernd und hinkend. Wie heisst das Restaurant?, fragt meine Mutter auf der Heimfahrt.

Als ich sie das nächste Mal bei der Nachbarin abhole, deutet meine Mutter verstohlen auf ein Bild in dem fremden Wohnungsflur. Es ist die Reproduktion einer Radierung. Ein Mann mit einem Schlapphut auf dem Kopf und einem Degen in der Hand tritt auf eine liegende, nackte Frau zu. Hinter ihr, dem Eintretenden noch durch einen Vorhang verborgen, wartet ein Gehörnter.

(erschienen in der Zeitschrift "du", September 98, unter der Kolumne: Nachrichten vom Nachbarn)