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Wenn ich nachts wach liege, denke ich an ihn. Und ich versuche mir sein Gesicht wieder vorzustellen, so wie ich es damals sah, als er aus dem Schatten der Bäume kam. Ich wusste schon eine Weile, dass er zwischen den Stämmen stand und mich betrachtete, aber ich blickte unverwandt ins Wasser der Quelle. Es war trübe; die Zweige des Haselstrauches spiegelten sich darin. Hätte ich mich etwas weiter vorgebeugt, hätte ich mein Gesicht darin sehen können und das meiner Mutter. Sie hatte mir versprochen, der weiseste aller Männer würde mich lieben und seine Liebe würde ewig währen. Sie sagte es, um meinen Vater zu ärgern, aber ich glaube nicht, dass er es merkte. Er hat den Neid nicht wahrgenommen, mit dem seine blinde Schwäche für mich sie erfüllte.

Die Haselblätter waren vollkommen reglos, und vielleicht wiederholten auch die Vögel den gleichen Ton. Ich lauschte auf das Geräusch, mit dem er sich zu erkennen geben würde, ein Rascheln des Laubes, den Klang seiner Schritte. Doch der Laut, den ich dann vernahm, war anders. Er erinnerte an ein Husten, ein Rucksen in der Kehle. Als ich mich umwandte, stand er schon im Sonnenlicht. Der weiseste aller Männer war kleiner als ich mit schmalen, schrägen Schultern, und das Gesicht unter dem grauen Haarschopf war von Falten zerfurcht. Sie liefen unter seinen Augen den Wangen entlang zu den Schläfen und von den Nasenflügeln um die Mundwinkel zum Kinn. Er lächelte, und sie vertieften sich.

Es hiess, er habe schon als Neugeborener sprechen können, und sein namenloser Vater habe ihm die Macht vererbt, das Vergangene und das Gegenwärtige zu sehen. Aber nicht mit Worten versuchte er mich zu gewinnen, sondern mit den Klängen einer Melodie. Ich sah zierliche Gestalten in den Gräsern neben der Quelle tanzen, und in meinem Kopf hörte ich ihre Stimmen: "Der Liebe Anfang - süsse Freude, endet doch - ". Den Rest verstand ich nicht. Seiner unschuldigen Mutter zuliebe hatte Gott ihm die Fähigkeit gegeben auch die Zukunft zu sehen. Er wusste, was geschehen würde.

Als Knabe träumte er, dass der rote und der weisse Drache miteinander kämpften, und auf sein Fragen erklärte er dem Tyrannen, sein Reich werde untergehen. Danach liessen sie ihn nicht mehr in Ruhe. Er musste seine Worte verhüllen; er grinste. Er wechselte seine Gestalt, war der Vogel und die Luft, in der er flog, Fisch und Fluss, ein Greis, ein blonder Jüngling, und er half auch anderen, sich zu verwandeln. Mit den Schritten des Gatten betrat Utherpendragon Igraines Zimmer, und sie liebten sich in der Dunkelheit. Nach der Geburt nahm die alte Frau an der Türe das Kind. Es wurde zum besten aller Könige.

Ich bat ihn, mir den Spruch zu lehren, der die Gräser tanzen liess. Jeder Ritter an Artus' Tafel hatte eine Geschichte. Die Leute kannten die Farben ihrer Schilde, ihre Narben und wussten, in welchem Bett sie schliefen. Nur der Weise behielt seine Geheimnisse für sich. Je mehr sie ihn fragten, umso seltener wurden seine Worte; er lachte. Ich bat ihn, mir den Spruch zu lehren, der Töne zu einer Melodie verband. Sie sagten, er wohne im Tal ohne Wiederkehr. Es war durch Furten und über Brücken zu erreichen, die ihre Form veränderten. Wer ihm begegne, sagten sie, werde ein anderer. Ich konnte nicht mehr essen. Er betrachtete mich mit besorgtem Gesicht, die Falten waren dünne Linien. Sein Schloss, sagten sie, liege im Herz der Dunkelheit und aus dessen Fenstern seien die Sterne und die Wege der Menschen zu sehen. Ich schrieb die Sprüche auf kleine Zettel und band sie an den Haselstrauch neben der Quelle.

Tränenüberströmt hatte Artus ihn gebeten zu bleiben. Von seinem Fenster aus war die Ebene bis zum Waldrand zu sehen. Zwei Pferde grasten dort im Schatten. "Wer das Gewesene kennt, kann das Muster finden, das in die Zukunft weist." Er leerte seinen Becher. Jeder war von seiner eigenen Leidenschaft getrieben; Tod und Wahnsinn erwarteten sie. Sie würden sich erst auf der Insel wiedersehen. Der König schluchzte, als der Weise das Zimmer verliess. Ich bat ihn, mir den Spruch zu lehren, der einen Menschen ohne Ketten bindet. Während er sprach, biss ich in den Apfel, den er mir hinhielt.

Ich spazierte mit ihm durch den Wald meines Vaters. Seine Schritte waren kürzer als meine. Er hatte die Grenzen zwischen den Welten immer wieder überschritten, im Traum zuerst, lachend dann, trunken manchmal und nun von der Liebe entrückt. In den Augenblicken danach, in denen die schwarzen Flügel ihn streiften, hatte er alle meine Fragen beantwortet. Ich hatte gesagt, ich würde ihn ewig lieben, und lächelte dabei. Vor dem blühenden Weissdorn setzten wir uns ins Gras. Er sträubte sich ein wenig, als ich ihn an mich zog, damit er den Kopf in meinen Schoss lege. Ich strich durch sein graues Haar. Als sein Atem gleichmässig ging, bettete ich seinen Kopf auf meinen Schleier. Dabei hörte ich noch einmal dieses Rucksen in seiner Kehle.

Ich ging gegen die Zeit um den Busch herum und las die Worte auf dem Zettel. Es war ganz einfach. Als er die Augen aufschlug, blieb nichts mehr zu sagen. Er versuchte nicht, sich von dem Weissdorn zu entfernen, und ich war ihm dankbar dafür. Ich versprach ihm, ihn immer wieder zu besuchen. Nach ein paar Jahren schickte Artus seine Ritter aus, um nach ihm zu suchen. Ich traf den vorlauten Gawain nicht weit von dem Busch und verwandelte ihn in einen Zwerg. Er konnte den Gefangenen nicht sehen, aber er erkannte seine Stimme. "Alles geschieht, was geschehen muss", klang es aus den Zweigen, "und der weiseste Mensch ist auch der törichtste." Ich gab Gawain seine Gestalt zurück, als er den Wald wieder verliess. Artus würde niemanden mehr schicken.

Eine Weile hörte ich die Melodie noch, wenn ich vor dem Weissdorn sass, dann verstummte auch diese. Er hat alles gewusst und die Menschen doch nicht gekannt. Immer wieder hat er sein Schweigen gebrochen, wenn sie ihn baten, und sie glaubten, er spreche von Kommendem, wenn er ihnen das Vergangene deutete. Ich kann sein Gesicht in der Nacht nicht mehr zusammenfügen, die dunklen Augen, die Falten, den Mund. Heute würden sie ihn einen Zauberer nennen, einen Wahrsager, und er müsste ihnen seine Künste auf Kirchplätzen vorführen. Weil er seine Weisssagungen in jenes Gelächter hüllte, das die Gesetze der Zeit überwand, würden sie meinen, er glaube selbst nicht daran. Auch ich hatte ihm nicht geglaubt, als er mir lachend erklärte, dass man das, was man ganz besitzt, verloren hat.



© Gabrielle Alioth, 1999