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Irland


          Bilder einer Insel:
       Am Küchentisch


Während ich die Fotos anschaue, die Max mir geschickt hat, klingelt es an der Haustüre. Darina! Ich habe vergessen, dass ich sie zum Tee eingeladen habe. „Wie schön, dich zu sehen!„ Früher war Darina meine Nachbarin. Als Irland 1995 die zivile Ehescheidung einführte, hat sie sich nach fast dreißigjähriger Ehe von ihrem Mann getrennt. Ihre vier Kinder sind erwachsen.

Nun lebt sie in einer neuen Einfamilienhaussiedlung am Rand von Drogheda, der nahen Provinzstadt. „Das ist Conor„, sagt sie und nickt dem jungen Mann zu, der neben ihr steht, „Bens Freund, von dem ich dir erzählt habe.„ Ich versuche mich zu erinnern, was Darina mir von dem Studienkollegen ihres Sohnes erzählt hat. Er hatte eine Weile in den USA gearbeitet. Dann in Deutschland? Die Iren haben ein unfehlbares Gedächtnis für das, was man ihnen erzählt – ich nicht.

„Genau! Kommt herein.„ Der Küchentisch ist mit den Fotos bedeckt. „Ben Bulben„, ruft Darina entzückt. „Skellig Michael„, Conor zieht eine der Aufnahmen heraus. „Bilder von Irland„, sage ich entschuldigend und versuche Platz zu schaffen für Teetassen, Milch und Zucker. „Da komm ich ja gerade recht„, meint Liam unter der Küchentür. Liam hat uns beim Umbau des Hauses geholfen, das wir vor zwanzig Jahren an der Ostküste Irlands gekauft haben. Heute gehört er zum Inventar, kommt jede Woche mal vorbei.

„Wer ist das?„ Neben seinem Hosenbein schaut ein schwarzes Ohr hervor. Liams zahnloser Mund verzieht sich zu einem Grinsen: „Cathbad.„ Die Anwesenden lachen. Cathbad ist ein berühmter Druide aus den irischen Sagen. Das Hündchen ist höchstens ein paar Wochen alt und sein schwarz-weißes Fell ist noch flauschig. Während die anderen die Fotos auf dem Küchentisch bestaunen, versuche ich Tee zu kochen, ohne auf Cathbad zu treten. „Da ist das Trinity College„, meint Darina. „Hmm . . .„ Liam studiert eine Wolkenlandschaft über dem Meer. Ich suche im Küchenschrank nach Keksen.

„Was machst du mit den Fotos?„, will Conor wissen. Ich habe nur die Ingwerkekse, die ich gewöhnlich den Eseln zur Belohnung füttere, wenn ich ihre Hufe auskratzen muss. „Nichts.„ Cathbad steckt seine Nase neben mir in den Küchenschrank. „Ich mache nichts mit ihnen„, erkläre ich, als ich die fragenden Gesichter meiner Gäste sehe, „ich soll einen Text zu ihnen schreiben.„ Ich fülle die Teetassen, und wir setzen uns um den Tisch. „Und was wirst du schreiben?„, erkundigt sich Liam. „Ich weiß es nicht. Es gibt schon so viele Bücher über Irland; Reisebücher, Lesebücher, Bilderbücher„, ich gieße Milch in meinen Tee, „Kochbücher.„ Etwas schimmert am Rande meines Blickfeldes.

„Die Bilder sind sehr . . .„, Conor zögert. „. . . schön„, beendet Aoife den Satz. Sie sitzt am Tisch, als wäre sie von Anfang an dabei gewesen, und ihr rötliches Haar schimmert im Nachmittagslicht. „Irland ist sehr schön„, meint Darina. „Nicht nur„, wirft Conor ein und nimmt sich einen Ingwerkeks. Liam häuft den dritten Löffel Zucker in seinen Tee. „Du könntest darüber schreiben, wie sich Irland in den letzten Jahren verändert hat„, schlägt Darina vor. „Und wie es früher war.„ Liam rührt in seiner Tasse. Conor gibt Cathbad den Rest seines Kekses.

„Wie es immer war„, Aoifes Worte klingen stets wie eine Melodie. „Es (hier beginnt Connor zu reden) wäre natürlich wichtig, etwas über die Geschichte der Insel und ihrer Bevölkerung zu sagen„, stellt Conor fest. „Mit den alten Klischees aufzuräumen„, sagt Darina. „Und den neuen Illusionen„, fügt Liam hinzu. „Hmm„, ich betrachte die Fotos wieder, „das ist alles etwas vage . . .„ Cathbad schnuppert an Aoifes Kleid, das aus einem blau irisierenden Stoff ist. „Ein Stück Papier„, verlangt Conor. Cathbad zuckt zurück, als seine Schnauze den blauen Stoff berührt. Ich suche im Küchenschrank nach Papier und Bleistift.

„Also„, beginnt Conor und streicht die oberste Seite meines Einkaufsblocks glatt. „Geologie, Archäologie . . .„, beginnt er zu schreiben. „Steine„, meint Liam. „Landschaft„, ergänzt Aoife. Cathbad hat sich zu ihren Füßen zusammengerollt. „Klöster, Burgen, Herrenhäuser . . .„, zählt Darina auf. „Musik„, sagt Aoife wie zu sich selbst. „Essen„, werfe ich ein. „Trinken!„, meint Liam mit ernstem Gesicht; die andern lachen. Die Seite des Blockes füllt sich. Cathbad atmet regelmäßig im Schlaf. Das alles müsste in dem Text zu den Bildern vorkommen, denke ich verzagt. Conor schreibt immer noch. Die anderen sind verstummt.

„Mehr Tee?„, frage ich, als ich die Stille bemerke. Liam kratzt den Zucker vom Grund seiner Tasse: „Danke. Ich muss gehen.„. Mit einem ächzen erhebt er sich. „Komm Cath!„ Das Hündchen löst sich widerstrebend aus seinen Träumen. „Wir müssen auch„, meint Darina. „Dann sehen wir uns morgen?„, frage ich Conor, nachdem Liam und Cathbad sich verabschiedet haben. Conor hat vorgeschlagen, mir bei meinen Nachforschungen für das Buch zu helfen. „Sicher„, meint er mit einem Hauch amerikanischer Jovialität. „Und wir telefonieren dann noch„, sagte ich zu Darina; auch sie hat mir ihre Hilfe angeboten.

In der Küche breite ich die Fotos noch einmal aus. Es gibt so viele verschiedene Bilder von Irland, liebliche, bedrohliche, dramatische, leidenschaftliche. „Und deine eigenen Bilder?„, fragt Aoife, die noch im Licht des Küchenfensters sitzt. Ich schaue auf den Bach hinunter, der durch die Zweige der Bäume glitzert. Ist es möglich, das zu beschreiben? „Jedes Bild ist ein Teil des Ganzen.„ Aoifes Stimme schwingt in meinem Kopf. „Und das Ganze ist immer mehr als die Teile.„ Eine Weile später merke ich, dass Aoife verschwunden ist, so unbemerkt, wie sie gekommen war.