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Wie ein kostbarer Stein


In der Mitte des zweiten Tages hatte ich den Rand des großen Waldes erreicht, ich war stehengeblieben und hatte zurück geschaut. Noch nie hatte ich die Stadt aus der Ferne gesehen. Mein ganzes Leben hatte ich in ihren Mauern gelebt, im Haus des Onkels zuerst und dann im Stift mit dem kleinen, umschlossenen Friedhof. Nun stand ich am Hang über den Reben, und meine Füße schmerzten vom langen Gehen. Aus dem Wald hinter mir strömte der Duft feuchten Holzes. Die Stadt war ein grauer Fleck, aus dem der Turm des Münsters wie ein Finger in die Höhe ragte. Nie zuvor hatte ich mich so frei gefühlt.

In den Dörfern waren die Leute mit knappem Gruß an mir vorübergegangen. Keiner hatte den Kopf geneigt und um meinen Segen gebeten. Sie erkannten die Priorin nicht im geliehenen Kleid der Magd, und weil ich nicht zu ihnen gehörte, maßen sie mich auch nicht. Ich hätte mit ihnen über die letzte Ernte reden können, den vergangenen Winter und den Tod eines alten Mannes. Keiner hatte wissen wollen, was ich verbarg. Die ersten Tage waren von Staunen erfüllt. Voller Wunder war mir der Ort zwischen den Wäldern erschienen, eine Lichtung eher als ein Tal, ein paar Felder, ein Bach und der See weiter oben. In einer kleinen Gruppe, als hätte das Wasser sie angeschwemmt, standen die Häuser der Frauen um die Kapelle und den Garten dahinter. Jeden Morgen war ich durch die Wiesen zum See gegangen. Es war Frühling, und der Tau drang mir durch die Schuhe, die ich aus der Stadt mitgebracht hatte.

Einmal war ich den steilen Pfad hinter dem See durch Hagebutten- und Brombeersträucher hinaufgestiegen. Die Ranken zerrten an meinem Rock, die Füße rutschten auf dem feuchten Grund. Auf einer Anhöhe hielt ich inne, um die Kratzer auf meinen Armen zu besehen. Dann erst blickte ich hoch. - Wie ein Baldachin breiteten sich die Blüten über mich, weiß auf blauem Grund. Bezaubert lief ich den Hang hinunter, und es hätte mich nicht überrascht, hätte ich an diesem Morgen den Gesang der Vögel verstanden. Im Garten hinter der Kapelle traf ich auf Katharina. Sie hörte mir zu. Sie kannte die alten Bäume, die keine Früchte mehr trugen, und sie begriff meine Begeisterung nicht. (Seiten 7-9)

Die Kammer war größer als am Abend zuvor. Nach einiger Zeit hörte Margareta Stimmen im Haus. Sie zog das Kleid an, das ihr die Magd gegeben hatte. Es war aus hartem, braunem Tuch, eng um die Brust. Bei jedem Schritt fürchtete Margareta, auf den Saum zu treten. Erst auf dem Flur kam ihr in den Sinn, daß sie nicht wußte, wohin. Sie ging den dunklen Türen entlang. Hinter einer meinte sie ein Kratzen zu hören, wie von einem eingeschlossenen Tier. Zögernd drückte sie auf die eiserne Klinke. Der Raum war leer, nur ein Bett stand darin, und an der Wand hing ein Kreuz. Margareta ging näher. So hatte sie ihn sich vorgestellt: ausgestreckt, aufgenagelt, mit hängendem Kopf. Ganz deutlich bohrten die Dornen der Krone sich in seine Stirn. Sie hörte ein Röcheln, und ihr Blick fiel auf das Gesicht in den Kissen, den hohen, kahlen Schädel mit halbgeöffnetem Mund. Die geschlossenen Lider zuckten - wie die dünne Haut am Hals der Hühner. Starr beobachtete Margareta die beiden Spalten, hinter denen allmählich die Augäpfel hervortraten. Der Blick durchdrang sie, als biete sie keinen Widerstand. Das Röcheln kam in rasselnden Zügen. Nach unermeßlicher Zeit schlossen die Lider sich wieder.

Margareta ging in ihre Kammer zurück. Mit gefalteten Händen saß sie auf der Kante des Bettes. Später kam eine Magd und führte sie in die Küche. Sie wagte nicht, nach der alten Frau zu fragen, und niemand erwähnte sie. Am nächsten Morgen stand Margareta wieder vor der Türe. Schon auf der Schwelle vernahm sie das Röcheln. Auch an den folgenden Tagen konnte sie nicht an der Kammer vorübergehen. Wenn sie das Zimmer der sterbenden Frau betrat, rückten die düsteren Flure des Hauses von ihr weg. Selbst das Sonnenlicht, das an manchen Tagen auf die Decke fiel, schien ein ganz anderes zu sein, als das, welches Margareta von ihrem Fenster aus auf dem Dach des Nachbarhauses sah.

Die Lider der alten Frau öffneten sich nicht mehr. Während Margareta das vom Atmen verzerrte Gesicht betrachtete, fragte sie sich, ob die Sterbende ihren Blick wohl spürte. Sie wünschte sich, ihr Erbarmen möge sich wie ein Tuch um die Träume der Unbekannten legen und ihre Schmerzen und ihre Einsamkeit lindern. Am Kreuz an der Wand hing der kleine, kräftige Körper, aus dem das Leben floß. Wie gnädig war ihm der Vater gewesen, daß er ihn in einem einzigen Tag sterben ließ...

Margareta beschloß, nicht mehr in die Kammer zu gehen. Sie betete, das Atmen dort drin möge aufhören. Doch am nächsten Tag stand sie erneut vor dem Bett. Eines Morgens war das Röcheln verstummt. Der Mund der alten Frau war geschlossen. Sie hatten ihr ein Tuch um Kinn und Schädel gebunden. Zwischen den Lippen glänzte ein brauner Saft. Aus dem Leib an der Wand floß noch immer das hellrote Blut. Niemand im Haus sprach vom Tod der alten Frau. Am nächsten Tag stand die Tür der Kammer offen. Das Bett war verschwunden und auch das Kreuz an der Wand. Der Boden war naß von Seifenlauge, durch das offene Fenster drang kühle Luft. (Seiten 26-29)

«Es ist besser so», sagte Pia, als wir allein zwischen den schwarzen, namenlosen Holzkreuzen standen. «Requiescat in pace.» Wir würden vergessen, unter welchem Margareta begraben lag. Die Sonne breitete die Schatten der Kreuze über die Gräber. Auch ich hatte alles daran gesetzt, es verborgen zu halten, nun gab es keinen Grund mehr, es preiszugeben. Es war nur noch ein Stück Holz auf dem Friedhof hinter der Kirche. Pia sagte, das Kind hätte alles geändert, selbst wenn der Himmel sich aufgetan hätte. Und wer weiß, ob es nicht doch das Teufelsmal auf dem Rücken trug. Wir hätten uns dem Geheimnis seiner Geburt nicht entziehen können, es hätte uns über die Menschen erhoben oder uns ins Verderben gestürzt. So aber blieb alles beim alten. Der Vater im Himmel würde uns die Verirrung dieses Sommers verzeihen, und wir konnten weiterhin auf den steinernen Fliesen vor dem Altar um Erlösung beten. Pia sagte, unser Leben würde so sein wie zuvor. Die Erinnerung an Margaretas Tod würde verblassen, und am Anfang glaubte ich ihr.

Von meiner Kammer aus schaute ich in die Wipfel der Bäume. Ich sah die gelben, im Wind sich wiegenden Blätter und wie sie zu Boden schwebten. Ich erinnerte mich des tröstlichen Gefühls, das ich bei diesem Anblick früher empfunden hatte. Aber ich spürte es nicht mehr. Wäre es mir doch gelungen, wie Pia an die Unabänderlichkeit des Geschehenen zu glauben, daran, daß es so kommen mußte, ganz gleich wie ich selbst mich entschied. «Da aber öffnete sich der Himmel, und sie stand in einem lichten Strahlenkranz.» Wahrend ich darauf wartete, hielt ich den Blick auf die gefalteten Hände gesenkt, voller Demut, auf daß ich nicht geblendet würde. So einfach war es gewesen, auf seine Gnade zu bauen, so viel einfacher, als den Zweifel zu hören. War nicht auch sein Sohn erst am dritten Tag auferstanden?

Pia fragte: «Wie wolltest du Margareta denn retten?», und ich hatte keine Antwort darauf. Ich konnte meinem Vergehen keinen Namen geben. War es falsch gewesen, Margareta im Dachstock zu verstecken? Oder hätte ich sie herabholen müssen, als ich den stumpfen Blick in ihren Augen bemerkte. Ich faßte meine Reue in immer neue Worte. Doch der Himmel war leer über mir. Wer sollte mir vergeben? Der Winter verging und dann der Frühling, doch auch als ich die Wärme der Sonne wieder spürte, war es nicht mehr wie früher. Seit dem Morgen, an dem ich es auf dem Dachstock fand, habe ich in allen Kindern Margaretas Kind gesehen. Mit heimlicher Neugier betrachtete ich sie, und ich glaube, ich fürchtete sie. Aber ich konnte den Blick nicht von ihnen lassen. Die glatten Gesichter, die kleinen Glieder erinnerten mich an das tote Geschöpf. Und es wuchs heran. In all den Jahren seit seiner Geburt wußte ich stets, wie alt es war. Seit jenem Morgen, an dem ich es blutverschmiert zwischen den Decken fand, hielt Margaretas Kind mein Leben in seinen Händen. (Seite 159-161)