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Mitgeteilt
24 Lebensgeschichten von Frauen
aus Basel und Baselland


Elisabeth Ando Veronika Burckhardt-Henrici Rösly Schindel-Erb

Elisabeth Ando, 1945, Therwil

„Eigentlich wird ja alles, was man anschaut – wenn man sich Zeit nimmt zu schauen –, interessant.”

Die Wölfe dösen in der ersten Aprilsonne, in den noch blattlosen Baumkronen nisten Störche. „Wo sind die Lamas?”, wundert sich Elisabeth Ando, während sie an dem leeren Freigehege vorbeieilt. „Ich war schon eine Weile nicht mehr hier”, erklärt sie. Ihr Nachfolger im Kinderzoo macht seine Sache gut. „Anders als ich, aber gut”, meint sie in neidloser Anerkennung. Die Bereitschaft, andere Arten zu anerkennen, zieht sich wie ein roter Faden durch Elisabeth Andos Leben: Zweiundvierzig Jahre hat sie im Zoo Basel gearbeitet.

„Hör auf zu träumen, Kind Gottes”, sagte der Vater, als er hörte, seine Tochter wolle Tierpflegerin werden. „Als Frau kannst du dort höchstens WC putzen.” Elisabeth Hanhart kam in Liechtenstein zur Welt, wo ihr Vater als Schweizer Zöllner Dienst tat. Er weckte das Interesse seiner Kinder an Pflanzen und Tieren. „Ringelnatter, Blutegel, Tausendgüldenkraut, Fetthenne, das wussten wir einfach.” Die Ferien verbrachte Elisabeth in Zürich, „und mein erster Wunsch war immer der Zoo”. Kurz vor ihrem Schulabschluss entdeckte die sechzehnjährige Elisabeth in der „Schweizer Illustrierten” einen Artikel über den Zürcher und den Basler Zoo mit Bildern der beiden Direktoren, „und weil er mir auf dem Foto besser gefiel, habe ich Dr. Lang in Basel geschrieben”. Schon bald kam eine Antwort, in der man ihr erklärte, was sie tun müsse, um in einem Zoo arbeiten zu können. „Da sind mir die Augen aufgegangen.” Eine Ausbildung zum Tierpfleger gab es noch nicht, aber man sei – so der Brief – an einer Geflügelzüchterin interessiert. „Sogar die Adresse haben sie mir gegeben”, staunt Elisabeth Ando rückblickend.

Sie findet eine Lehrstelle und lässt sich an der Schweizerischen Geflügelzuchtschule in Zollikofen, dem heutigen Aviforum, zur Geflügelzüchterin ausbilden, lernt, „wie die Leute zu ihren Frühstückseiern, ihren Poulets kommen”. Mit Tierliebe hat das wenig zu tun. „Man musste schlachten lernen. Ich weiss noch, was für einen Affentanz ich vor dem Schlachthof aufführte. Ich weinte und sagte, das mach ich nicht.” Einer der Schlachter ist besonders grob mit den Tieren, und sie denkt, das kann ich schneller. „So habe ich es gelernt.”

Spaziergänge mit Tauchern

Auf einer Reise nach Edinburgh, wo sie Eselpinguine abholt, sieht Elisabeth Ando Pinguine durch den Zoo marschieren. Wieder in Basel beginnt sie, mit ihren eigenen Schützlingen Ausflüge zu machen, und so kommt es zu den Pinguinspaziergängen, die bald in ganz Europa Schule machen. Die erfahrene Tierpflegerin lacht: „Ich weiss noch, wie Herr Steinemann sagte: Aber Frau Ando, wenn Ihnen so ein Pinguin ins Wasser geht, was machen Sie dann? Ich warte bis er wieder rauskommt, antwortete ich. Ich wusste ja, dass ein Pinguin nicht einfach so in ein fremdes Wasser taucht, und es ist mir auch nie etwas passiert. Nur zwei Eselspinguine hatte ich, die waren wirklich frech. Die sind durch den ganzen Zolli gelatscht, und irgendwann am Abend kamen sie wieder heim.” Als sich die beiden – Strolch und Stroll – über die Goldfische im Teich gegenüber vom Restaurant hermachen, bekommt Elisabeth Ando es zu hören. „Sperren Sie mal Ihre Pinguine ein!”, donnert Direktor Lang.

„Manchmal war ich richtig böse mit diesen beiden Pinguinen”, erinnert sie sich etwas beschämt. „Sie waren halb zahm, und ich habe so geschimpft mit ihnen. Einmal habe ich einen sogar übers Knie gelegt. Danach hatte ich drei Wochen Ruhe.” Dann haben die Pinguine sie akzeptiert? „Das vielleicht nicht”, Elisabeth Ando zögert, „aber es färbt manchmal schon ein wenig ab, mit welchen Tieren man zu tun hat.” Manche ihrer Kollegen auf jeden Fall behaupteten, sie laufe selbst wie ein Pinguin. Und: „Damals gab es noch keine Tiefkühltruhen, die Fische kamen in Eis von Hamburg.” Bis sie in Basel den Pinguinen verfüttert werden, sind sie alles andere als frisch. An einem Abend im Kino beklagen sich die Leute in der Reihe vor Elisabeth Ando plötzlich über Fischgeruch.

Kamele im Lift

Am meisten haben Elisabeth Ando immer die Kamele fasziniert. ähnlich wie Pferde lassen sie sich als Haustiere halten, nur kann man ihnen noch viel mehr beibringen – und ihr etwas hochnäsiger Eindruck täuscht. Sie entwickeln eine enge Beziehung zum Menschen. „Als Tierpflegerin weiss man rasch, dass die Kamelhengste in der Brunst böse werden. Mir ist einmal etwas mit einem Kinderzoobuben passiert, der ein so ein tolles Vertrauen zu dem Kamel hatte.” Doch der Kamelhengst packte den Jungen mit dem Vorderbein, schob ihn unter seinen Körper und versuchte auf ihn zu sitzen. ”Da mussten wir mit den Mistgabeln auf den Hengst einstechen.” Der Junge kam mit Quetschungen davon. „Und das Gleiche hat mir der Kamelhengst mal mit dem Esel gemacht”, erinnert sich Elisabeth Ando im gleichen Atemzug. „Aber”, so sagt sie mit grosser überzeugung, „Kamele können auch richtige Schmusetiere sein”, und sie nimmt es der Kamelstute nicht übel, die sie eines Tages vollspuckt. „Wir waren beide im Stress. Es war mein Fehler. Ich musste mich wieder beruhigen, dann ging es gut.”

Schon bald kann Elisabeth Ando auch mit ihren Kamelen spazieren gehen. Zuerst muss man die Tiere ans Halfter gewöhnt, ihnen beibringen, wie sie abliegen müssen – auf die Gefahr hin, dass sie sich dann auch aus Protest hinlegen, wenn ihnen etwas nicht passt. Dann geht Elisabeth Ando mit den Kamelen durch den Zoo, auf die Heuwaage, und eines Tages meint sie zu ihrem Kollegen „Komm, wir gehen mal die Steinenvorstadt runter.” Die Passanten sind begeistert, die Aufträge lassen nicht auf sich warten, die Kamele treten an Veranstaltungen, Hochzeiten auf. Einmal werden sie gar in der Mustermesse in den Warenlift geladen, um im grossen Saal zu erscheinen.

Männer und Affen

Zeitungsausschnitte, Zeichnungen Dankesbriefe – Elisabeth Ando blättert in einem dicken Album mit Fotos von Kindern, Kamelen, einer Ziege, die Trottinett fährt. Vieles hat sich in den zweiundvierzig Jahren verändert. „Heute machen auch Frauen Giraffen- und Büffeldienst.” Einzig die Elefanten sind im Basler Zoo nach wie vor ganz in Männerhand. War es schwer, sich als Frau im Zoo zu behaupten? Elisabeth Ando schmunzelt: „Ich hatte ziemlich rasch meine Ruhe.” Beim Laubrechen will ihr einer der Kollegen den guten Rechen aus der Hand nehmen. „Ich wurde verrückt und sagte, ich hau dir eine.”

Der Gärtner lacht: „Was willst du, Kleine?” Sie trifft ihn an der Schläfe, und er geht in die Knie. „Von da an war mein Ruf bekannt. Es hätte auch schlimmer ausgehen können”, fügt sie, wieder ernst, hinzu, „aber es war nötig.”

Tatsächlich lief es nicht immer so glimpflich ab: „Einmal habe ich zuerst blöd gelacht, aber dann habe ich wirklich Angst bekommen. Ich war erst etwa einen Monat im Vogelhaus im Kleinvogeldienst, als an einem Nachmittag der berühmte Carl Stemmler, der damals schon pensioniert war, kam. Er ging zu Niko, dem Orang-Utan-Mann, und kraulte ihn durchs Gitter an den Backenwülsten. Ich war gerade daran, die Kolibrifläschchen zu putzen, da geht die Türe auf, Stemmler steht vor mir und sagt: Nun hat er mir den Daumen abgebissen. Ich sage noch: Kommen Sie in den zweiten Raum. Da hatte es einen grossen Holztisch, und ich konnte ihn gerade noch daraufstossen, bevor er ohnmächtig würde.” Während der Ziehvater der berühmten Goma, die 1956 als erstes Gorillababy in einem europäischen Zoo geboren und von ihrer Mutter abgelehnt wurde, ins Krankenhaus eingeliefert wird, versuchen Elisabeth Ando und eine Volontärin, einer älteren Dame, dem Orang-Utan den Daumen abzunehmen, den dieser an einem Sehnenfaden durch die Luft schwingt. Es gelingt den beiden Frauen, und sie können ihn auf Eis legen. „Aber zu jener Zeit war man medizinisch noch nicht so weit.” Zudem, meint Elisabeth Ando nicht ohne Spott, habe Stemmler sich dann bei jeder Gelegenheit mit seinem abgebissenen Daumen gebrüstet.

Sie selbst wurde nie ernsthaft verletzt. Einmal hat sie ein Kamelhengst am Bein erwischt und hochgehoben, einmal gingen ihr zwei Ponys mit dem Wagen durch, aber sie hat immer Glück gehabt. Man müsse vorausdenken, meint sie. „Ich denke eher zu viel voraus, das ist auch nicht gut, aber es hat vielleicht geholfen.”





Veronika Burckhardt-Henrici, 1928, Basel

„Wenn ein Basler die Wahl hat, einen Witz zu machen oder liebenswürdig zu sein, macht er stets den Witz. Man muss lernen, dass man liebenswürdig sein kann und dennoch nicht dumm.”
Eine andere Sicherheit

Seit fünfundfünfzig Jahren betrachtet Veronika Burckhardt die Gesellschaft, in die sie eingeheiratet hat, mit interessiertem und distanziertem Blick. Gibt es den Basler Daig wirklich? „Mein Mann hätte behauptet, es gebe ihn nicht. Aber wenn man die alteingesessen Familien betrachtet, die es gibt und mit deren Kindern ich zwei Jahre in die Töchterschule gegangen bin, dann ist mir aufgefallen, dass diese Mädchen im Durchschnitt nicht klüger waren als ich, aber sie hatten eine andere Sicherheit im Leben.„ Die Existenzangst, die ihr selbst als Halbwaise nicht unbekannt war, fehlt. „Das ist natürlich sehr schön, wenn man die nicht hat. Denn dann hat man auch eher die Courage, etwas zu unternehmen, was nicht abgesichert ist. Und was den alten Baslern auch fehlt, ist der Zwang oder das Bedürfnis, aufzufallen und zu gefallen.„ So finde man kaum ein Mädchen aus dem Basler Daig mit einem nackten Bauch, zu engen Jeans, einem zu tiefen Ausschnitt. „Das hat ein Basler Mädchen nicht nötig.„ Kürzlich beschrieb ein Filmemacher Veronika Burckhardt die Ausgangslage seines in Basel spielenden Films: Eine Dame der guten Gesellschaft ist mit einem schwulen Mann verheiratet, die Tochter des Hauses fährt einen Ferrari. „Und da sagte ich: das ist schon falsch. Ein Basler Mädchen fährt keinen Ferrari, die braucht das nicht, will das nicht.„ Deshalb, so Veronika Burckhardt, würden Aussenstehende auch gar nicht merken, wenn sie jemanden aus dem Daig treffen, „so unauffällig sind die„.

Die Kunst zu leben

Von unserem schattigen Platz unter den Bäumen geht der Blick über die sommerlichen Wiesen. Die Stadt, über die wir sprechen, ist hier und doch unendlich fern. „Im Grossen und Ganzen„, meint Veronika Burckhardt, „hatte ich ein gutes Leben.„ Sie nennt Ehe und Kinder an erster Stelle. „Ich glaube, wir haben eine gute Ehe geführt.„ Toleranz und Humor brauche es dazu, vor allem aber die Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen, Einfühlungsvermögen oder mehr noch: Einfühlungswillen. „Wir haben uns leben lassen, uns Freiräume gelassen. Er war ein glänzender Zeichner, und vielleicht würde ich mich heute bemühen, das mehr zu verfolgen. Damals dachte ich oft: muss er denn immer nur zeichnen, kann er nicht mit uns ins Theater oder auf eine Wanderung kommen? Heute würde ich versuchen, diese Fantasie mehr zu begreifen. Aber„, so sinniert sie, „es ist wohl sehr schwierig, die Fantasie eines anderen zu begreifen.„

Und die Liebe? „Sie scheint mir schwer zu definieren, aber sie ist natürlich das Fundament einer guten Ehe„, solange man sich nicht anklammert, sie nicht in ein „geistiges und körperliches Händchenhalten„ mündet. Veronika Burckhardt hat gelernt, geliebte Menschen gehen zu lassen. „Das konnte ich wohl und wollte es und hab es gelernt„ – sie hält einen Augenblick inne – „aus Stolz.„ Martin Burckhardt zieht, auch wenn er in Basel ist, seine eigenen Kreise. „Ich wusste nie recht, kommt er zum Mittagessen oder nicht. Ich habe einen Charakter, der das zulässt, der sich nicht so leicht aufregt„, sie lacht, „nicht wegen solcher Sachen„, und auch sie kann und will ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Partnerschaft, meint sie, sei wohl ein etwas zu modernes Wort für ihre vor einem halben Jahrhundert geschlossene Ehe. „Es war eine Ehe mit verteilten Aufgabenbereichen. Weder habe ich ihm in seinem Büro dreingeredet, noch er mir in meiner Küche.„ Martin Burckhardt erzählt wenig von seinem ärger, und, obwohl ein grosser Raucher, raucht er nicht zu Hause. „Er hat es nicht nötig zu Hause. Das ist für mich Arbeitsteilung, dass man ein Klima schaffte, in dem er sich erholen konnte.„ Ein Klima, in dem sich auch viele andere wohlfühlen. Veronika und Martin Burckhardt haben ein offenes Haus, inszenierten legendäre Feste von „barocker Qualität„, wie einer der Gäste sich erinnert.

Haus und Garten sind Veronika Burckhardts Bühne. Zwischen Bildern und Kugeln, an sorgfältig gedeckten Tischen, von liebevoll arrangierten Blumen umgeben, bezaubert sie ihre Gäste und zaubert das Beste aus ihnen. Abgeklärt und doch lebendig erzählt sie von ihrem Leben, kappt jeden Anflug von Selbstgefälligkeit mit feiner Ironie. Stellt Fragen, hört zu und lässt sich befragen.

Gibt es Dinge in ihrem Leben, die sie bereut? „Ja, das gibt es schon. Ich wünschte, ich hätte mit zwanzig, fünfundzwanzig die Reife gehabt, die ich hoffentlich heute habe, und wäre in zwischenmenschlichen Beziehungen so tolerant gewesen, wie ich es heute hoffentlich bin. Aber vielleicht kommt nun der Altersstarrsinn.„ Lachend hebt sie den Kopf, und das Blau des Himmels schimmert in ihren Augen. „Ich war nicht sehr aktiv, das kann man wohl sagen, und hätte ich nicht gewohnt, wie ich wohne, wäre ich vielleicht mehr raus.„ Sie schaut sich um, und in der Tat scheint der Ort so geschaffen für sie, wie sie für den Ort. „Wenn ich etwas ändern könnte„, fügt sie nach einem Moment hinzu, „dann würde ich meine Kinder besser erziehen, zu mehr Selbständigkeit, mehr Selbstvertrauen.„ Aber auch das ist eine Basler Eigenart, und in dieser Hinsicht sei sie Baslerin, dass man nicht jede Minute „Bravo„ ruft, „das hast du gut gemacht„.

Und die Zukunft? „Nächstes Jahr bin ich achtzig, da sieht man die Zukunft nicht speziell rosig. Ich hoffe, ich sei noch einige Zeit einigermassen bei Sinnen, falle niemandem zur Last. Was könnte man noch hoffen„, überlegt sie, „dass die Enkel gut rauskommen, dass sie zufrieden sind, einen anständigen Beruf haben, sich wohl fühlen vor allem. – Und ich möchte nochmals nach Venedig„, fällt ihr plötzlich ein. Warum gerade Venedig? „Weil man dort zu Fuss zeitlos schlendern kann, trotz Stadtplan sich dann doch verirrt, gezwungenermassen. Im November, wenn die Sonne scheint, Nebel davor. Diese Stimmung würde ich gerne nochmals sehen.„

Eine Weile plaudern wir noch unter den Bäumen vor dem Haus, dann fahre ich durch die weiss gekieste Allee zurück; das Licht über den blühenden Wiesen ist goldener geworden. Kurz nach der Torausfahrt meldet sich mein Navigationssystem zurück, ich bin wieder auf den Strassen von Basel. Ganz zum Schluss sagte Veronika Burckhardt, sie lese auch gerne, im Moment gerade wieder Fontanes „Stechlin„, und mit einem Mal weiss ich, woran mich dieser Nachmittag im Haus unter den Bäumen erinnert.





Rösly Schindel-Erb, 1916, Riehen

„Ich musste nie schauen, was die anderen machen. Darum muss ich nun auch nicht sagen: Hätte ich doch, wäre ich doch. Ich habe gemacht, was ich musste und was für mich richtig war.”
Die letzte Fasnacht

Rösly Schindels Haus ist voller Andenken, Bilder von Kindern, Enkelkindern, den zwei Urenkeln. „Ich bin eine furchtbare Sammeltante„, entschuldigt sie sich. Neben einem in Seide gewobenen General Guisan – „gut, dass wir den hatten„ – hängt ein Band mit allen Fasnachtsplaketten seit 1920. „Meine Mutter sagte, ich hätte ihr die Fasnacht vermiest.„ Rösly ist am 16. Februar 1916, am Morgestraich, auf die Welt gekommen. „Und das sass tief. Ich habe immer mit meiner Mutter und zwei ihrer Schwestern intrigiert. Aber das kannst du heute nicht mehr, denn die Basler gehen nicht mehr in die Wirtschaften, seit die Reisecars überall sind. Früher sassen sie noch im ‚Storchen´, im ‚Metropol´, im ‚Dreikönig´, und du musst zum Intrigieren jemand haben, der dir Antwort gibt. Wenn du in eine Wirtschaft reinkommst, und einer ruft auf Züritütsch: Kumm, säg mir au öppis! Was machst du da? Du kehrst um und läufst wieder raus.„

Mit Vergnügen erinnert sich Rösly Schindel an die Versuche ihrer Opfer, herauszufinden, wer hinter der Larve steckt. „Wir haben jahrelang meinen Vater intrigiert, und er kam nie dahinter. Er hat unsere Kostüme nie gesehen, und du hast die Larve wirklich nicht ausgezogen. Wenn ich eine Larve anhatte, war ich nicht mehr mich selbst, sondern jemand anderer.„

„Mein Mann als Zürcher hat das nicht begriffen, dabei waren wir bis oben eingemummelt. An der Basler Fasnacht zieht man sich an, an der Zürcher zieht man sich aus.„ An einer Fasnacht kommt Rösly Schindel später als erwartet nach Hause. „Und dann ist es gekippt, aber böse. Dabei ist gar nichts passiert. Ich hatte ein Kettchen an, das hat er mir vom Hals gerissen. Ich sagte: gut, das war die letzte Fasnacht. Wenn er es nicht erträgt, hat es keinen Sinn, das ist es nicht wert. Ich verstehe schon, dass ein Aussenstehender die Fasnacht nicht begreift, aber wenn ich einen Seitensprung machen will, kann ich den ohne Fasnacht machen. An der Fasnacht habe ich keine Zeit dafür, dann hab ich anderes zu tun.„

Zwei Monate nach Karls Tod zieht Rösly Schindel nochmals Larve und Kostüm an und macht Vortrab in der Clique ihrer Tochter. „Und dann bin ich nach Hause, habe das Kostüm ausgezogen und hab alles verschenkt. Es musste fertig werden für mich, wenn auch die Tränen die ganze Zeit unter der Larve geflossen sind. Andere dachten wohl: jetzt spinnt sie, da ist der Mann gestorben und sie macht Fasnacht. Aber für mich war es in Ordnung. Ich musste nie schauen, was die anderen machen. Darum muss ich nun auch nicht sagen: Hätte ich doch, wäre ich doch. Das ist das Ungeschickteste, wenn du dir, wenn du älter bist, sagen musst, wäre ich doch gegangen, hätte ich das doch gemacht. Ich habe gemacht, was ich musste und was für mich richtig war.„

Karl Schindel war auch sonst kein einfacher Mann. „Er war wahnsinnig streng mit den Kindern. Ich stand ständig zwischen den Kindern und ihm, ein ewiger Kampf.„ Rösly Schindel schüttelt den Kopf. „Vor ein paar Wochen, als ich endlich seine Papiere aufräumte, hab ich einen Brief gefunden, den er an mich geschrieben hat, einen richtigen Liebesbrief, den er nie abgeschickt hat.„ Der Brief ist von 1936, als Rösly in Marseille ist. „Darin hat er Dinge geschrieben, die er nie im Leben gesagt hätte.„ Rösly Schindel pflegte Karl, so lange wie möglich zu Hause. „In der letzten Nacht, in der er noch hier war, sagte er, was hätte ich gemacht ohne dich. Und ich sagte, das ist die schönste Liebeserklärung.„ Karl Schindel stirbt am folgenden Morgen, als die Krankenpfleger ihn aus dem Haus tragen.

Genug Erinnerungen

Rösly Schindel ist froh, dass sie selbst noch in dem Haus am Bluttrainweg sein kann. „So kann ich im Garten mal wieder was schnäpfeln. Ich muss etwas – und das mach ich dann schon.„ Sie löst Rätsel, „bei denen man etwas denken muss„, liest Romane, „die aus der Weltliteratur, die sind mir zu schwierig, das muss nicht mehr sein„, und schaut fern, Filme über den Norden am liebsten. „Wenn Rentiere drin sind, Elche oder solche Viecher. Für das ist der Fernseher gut.„ Die beste Erfindung allerdings, findet Rösly Schindel, ist die Waschmaschine. „Das war immer ein Mais, ein Waschtag. Morgens um sechs den Kessel anheizen, einen grossen Kupferkessel mit einer Schwinge daneben. Und wir Kleinen hatten ständig die heisse Lauge an den Armen, wenn wir das Zeug aus dem Kessel nehmen mussten.„

Rösly Schindel ist auch politisch auf dem Laufenden. „Als ich jung war, da war ich ziemlich engagiert„, gesteht sie, „auf der Sozi-Seite, auf der Arbeiterseite, wo ich hingehört habe. Politik hat mich sehr interessiert, auch zu der Zeit, als man noch für das Frauenstimmrecht demonstrierte. Was mussten wir uns wehren für dieses Frauenstimmrecht. Und,„ sie zögert, schmunzelt, „auch als wir die Hitlerfahne vom Badischen Bahnhof geholt haben. Das war die rote Jugend. Der Bahnhof war deutsches Gebiet, aber wir dachten, das muss nicht sein, und dann haben wir sie halt runtergeholt.„ Rösly Schindel strahlt vor Zufriedenheit: „Es hat Spass gemacht.„

Und heute? „Stimmen gehe ich immer. Ausser es ist eine Abstimmung, wo ich wirklich nicht weiss, was.„ Kurz vor unserem Gespräch ist das neue Asylgesetz angenommen worden. „Wenn ich den Blocher sehe„, empört sie sich, „der behauptet Zeug! Schliesslich sind nicht alle nur Nutzniesser, die kommen. Er kann lange gut reden mit dem Haufen Geld, das er hat. Er musste noch nie Hunger haben.„

„Ich bin oft glücklich gewesen„, erklärt Rösly Schindel, als wir bei Tee und Linzertorte an ihrem Stubentisch sitzen, auf der Velofahrt durch Frankreich, in den Ferien mit den Kindern.

Seit sechs Jahren hat sie einen künstlichen Darmausgang. „Ich habe das Gefühl, wenn man es akzeptiert, kommt man besser durch. Das ist mit allem so. Ich habe ihn„ – sie streichelt über ihren Bauch – „akzeptiert. Ich schimpfe mit ihm oder ich bin zufrieden mit ihm, dann geht es.„

Auch das Altern macht ihr nicht zu schaffen. „Ich habe genug Erinnerungen. Ich bin zufrieden mit meinem Leben„, sagt die kleine Frau mit den faltenlosen, roten Wangen. „Das ist der Vorteil des Cortisons„ grinst sie, das sie – wenn die Quarkwickel nicht mehr reichen – gegen die Rheumaschmerzen in den Händen nimmt. Und wenn sie sich etwas wünschen könnte? „Dass ich nur einschlafen dürfte. Aber das wünschen sich alle.„ Und nachher? „Ich stelle mir vor, es ist fertig. Andererseits habe ich, als mein Mann oben lag und daran war, zu gehen, das Fenster aufgemacht, damit seine Seele raus kann.„ Karl erzählte, er sei drüben gewesen und habe dort einen wunderbaren rosarot blühenden Baum gesehen. „Ob er seinen rosaroten Baum jetzt gefunden hat?„ Nach jedem Herzinfarkt lag Karl Schindel auf der Intensivstation. „Man hat nie gewusst, ob er es schafft oder nicht. Aber anscheinend bekommt man bei der Geburt die Zeit, die man leben muss, mit, und die Zeit muss man absitzen. Du musst einfach schauen, wie du sie am besten leben kannst.„