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Der Narr


Vielleicht war er tatsächlich ganz froh, mich dort oben zu wissen. Der Herr mochte es nicht, wenn ich herunterkam. "Auf deinen Platz, Narr, auf deinen Platz", und ich duckte mich unter den Buckel und stieg auf den Sims. Er wollte mich nicht in seiner Nähe haben. Ganz gleich, wie betrunken er war, um mich machte er stets einen Bogen. Der Venezianer lachte, als ich ihm davon erzählte. "Natürlich, Närrchen, er fürchtet sich vor dir. Wie alle Herren fürchtet er sich vor dem Narren, nicht wegen des Buckels, wie die anderen Leute, sondern wegen der Lieder."- "Die Lieder", sagte der Venezianer, "sind mächtig, mein Freund, mächtiger als die Herren. Sie lassen sich nicht besiegen." Immer wieder hab ich an diesen Satz gedacht, den Satz von den mächtigen Liedern, und hab ihn doch nicht verstanden. Erst jetzt, Marie, wo alles vorbei ist, jetzt weiss ich: Es war keine Verheißung, was der Venezianer mir sagte, es war eine Warnung - und ich verstand sie nicht. (Seite 14)

Nur das erste Mal, das erste Mal ist es so schwer, Marie, dann wird es immer leichter. Du wirst sehen, wenn du erst einmal draußen bist und diese zerfallenen Mauem nur noch ein Umriß in deiner Erinnerung sind. Ich weiß noch, wie lange ich zögerte, bis ich die Hütte des Alten verließ. Erst als ich unterwegs war, als ich so weit gegangen war, dass das Rauschen der Bäume mich an nichts mehr erinnerte und die Schreie der Vögel mich nicht mahnten, sah ich die Hügel vor mir. Und da konnte ich dann auch glauben, dahinter ein Tal zu finden. Während ich zwischen den Bäumen hindurch über die Hügel kam, tauchte es langsam vor mir auf mit seinen sanften Hängen und den krummen Weiden am Fluss. Ganz selbstverständlich lag es da, grün und wunderbar, und es war mir, als gäbe es nur diese Felder, diese Hecken und Sträucher, während die gelben, dürren Dünen, von denen ich aufgebrochen war, im Dunst meiner Träume verschwammen. Nur wer weiterzieht, imrner weiter, gewöhnt sich an das Erscheinen und das Verschwinden der Wälder und Wiesen, der Flüsse und der Dörfer mit ihren Menschen, und dass es möglich ist, sie hinter sich zu lassen, um an einem andern Platz zu sein. Du mußt mir glauben, Marie, dass es möglich ist, das Fräulein ist gegangen, der Venezianer, und auch ich werde gehen, auf meine Weise, wenn das Feuer erlischt. (Seiten 59-60)

Die Menschen aber steckte er in farbige Kleider und gab ihnen neue Namen, der Knecht wurde zum Diener, die Magd zur Zofe, und der aufrechte Sänger wurde zum buckligen Narren. Ja, bucklig mußte er sein. Klein und bucklig, denn so hatte der Herr es auf seinen Reisen an den Höfen der Fürsten gesehen, und ich habe mich gefügt, genau wie die andern. Wir nahmen die Kleider und die Namen, ich schob mir den Buckel zurecht und sang auf Befehl. Hatte ich mir nicht gewünscht, vor einem Herrn zu singen, dessen Macht mich meine Schwäche vergessen ließ? Hatte ich mir nicht gewünscht, im Schutz eines Starken zu leben? In meinen Träumen habe ich mir ausgemalt, daß der Glanz seines Namens, den ich in meinen Liedem besingen würde, auf mich zurückstrahlen würde, und sie würden nicht wagen, mich zu verachten, weil er mich ausgewählt hatte - als seinen Narren. Und es war ja nicht schwer, Marie, bald spürte ich die Schmerzen im Rücken nicht mehr, nur noch am Abend, wenn ich in meiner Kammer mich wieder aufzurichten versuchte. Es war meine eigene Schuld, wer kann tauchen und fliegen zugleich außer dem Kormoran, und nach einiger Zelt ließ ich es bleiben und legte mich mit krummem Rücken schlafen. (Seiten 62-63)

Nein, es stand nicht in unserer Macht, uns seinem Willen zu widersetzen, und doch waren wir nicht ohne Schuld. Wir haben mitgespielt, weil er es befahl, und während wir meinten, in unseren bunten Kostümen nur ihn zu betrü- gen, haben wir mit unserer Eitelkeit auch uns selbst hin- tergangen. Wir sind die Figuren geworden, zu denen er uns auf seinem Spielbrett machte, und haben uns etwas eingebildet darauf. Wer hätte den Herrn auch zwingen wollen, die Steine hinter den goldbestickten Decken zu sehen, die Menschen unter den samtenen Kleidern, wenn er sich selbst damit eines weichen Wamses beraubte? Damals brannte in diesem Kamin hier ein großes knisterndes Feuer, und die Teller auf dem Küchentisch waren bis zum Rand gefüllt. Wer hätte seinen Löffel da niedergelegt, nur weil er die Befehle des Herrn nicht verstand? So haben wir aufgehört, darüber zu sprechen, und nach einiger Zeit haben sie auch das Staunen vergessen. Die Menschen vergessen so rasch, Marie, alles vergessen sie, wenn der Schmerz sie nicht mahnt. Ich sag dir, nach ein paar Monaten schon hättest du sie fragen können, und alle hätten dir geschworen, der Narr sei mit einem Buckel geboren worden. Selbst die, die mich kannten, als Knaben, als Jüngling, als Sohn meines Vaters, hätten behauptet, dass ich ein ganz anderer sei, ein Buckliger eben von unbekannter Herkunft, dem Gott wohl zum Trost eine Stimme gab.

Und sie hatten ja recht, Marie. Narren haben keine Väter. Der einzige Sohn des berühmten Sängers, er seine alten Tage in der Hütte am Strand verbrachte, war ein wohlgestalter Jüngling gewesen mit aufrechtem Gang, so schön wie die Mutter und dem Vater ergeben, wie es sich für einen Erben gehört. (Seiten 66-67)

In meiner Einfalt habe ich ihn gefragt, ob er sich nicht nach Gewohntem, Vertrautem sehne, wo er doch schon so lange unter Fremden lebe, und er hat gelächelt, Marie, spöttischer vielleicht als sonst, und die Frage mit einer Geste weggewischt. Da habe ich verstanden, dass es auch für ihn keine Rückkehr mehr gab, wie für alle, die einmal gegangen sind, und vielleicht war es das, was uns beide verband. Es gibt keine Rückkehr, Marie, weil die Zeit nichts in Ruhe lässt und wir die Orte nicht wiederfinden, die wir in unserer Erinnerung mit uns tragen. Wer den Herd nicht hütet, darf sich nicht wundern, wenn das Feuer erlischt, und der, der bleibt, soll nicht glauben, das er auch morgen noch gehen kann. (Seite 81)

An diesem Abend, Marie, lag der Saal plötzich weit unter mir, als sei der Boden, auf dem die andern standen, in der einen Nacht, die ich im Zimmer der Toten verbracht hatte, in die Tiefe gesunken. Zum ersten Mal sah ich die Menschen aus großer Entfernung, und ich begriff, dass sie mir so fremd wie die Sterne am Himmel waren. Einst hatte ich mir gewünscht, zu ihnen zu gehören, zu den Knechten, den Händlern, den Fremden oder den Feinden sogar. Ich wollte einer von ihnen sein, einer von vielen, unkenntlich und unverwundbar im Schutz der ähnlichkeit, und ich zog aus, um die zu finden, in deren Mitte mich niemand erkennen würde. Damals habe ich gedacht, es müsse auch für mich einen Platz geben, wo sie mich aufnehmen würden, als hätten sie mich schon immer gekannt, und dann würde ich mit ihnen am Feuer sitzen. Aber wo ich auch hinkam, haben sie mich zum Narren gemacht. (Seite 125)

Es war schon Verrat, Marie, der Verrat des Narren, der die Menschen durchschaut, während er sie zum Lachen bringt, der ihre Lügen erkennt und sich von ihrer Verkleidung nicht täuschen läßt. Es ist Verrat, weil er unter ihnen lebt, ohne zu ihnen zu gehören, weil er weiß, was sie nicht wissen wollen. Der Narr ist zu anders, um ihr Vertrauen zu erlangen, und doch zu ähnlich, um sie nicht zu verstehen, er ist nicht Verbündeter und auch nicht Gegner, ein Buckliger eben, der nicht aufhören kann, die Menschen an ihre Schwächen zu mahnen. Und weil sie uns nicht töten können, ohne ihr Gesicht zu verlieren, sperren sie uns ein, wenn sie unseren Anblick nicht länger ertragen. (Seite 181)