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Orpheus! (Auszug)

Eurydike: Eine junge Frau, schön, verliebt. Sie hat das Leben vor sich. Doch an ihrem Hochzeitstag wird sie von einer Schlange gebissen. Sie stirbt, kommt in die Unterwelt.

Die Schatten der Toten drängen sich um sie, neugierig, gierig ... Oben im Leben: Orpheus, der Bräutigam. Er ist untröstlich, will seine Braut zurück haben. Er folgt ihr, mit der Leier, die ihm Apollo geschenkt hat. Orpheus` Mutter ist Kalliope, die Muse der Dichtung, und ihre Schwestern – seine Tanten – haben ihm das Singen beigebracht. Er singt wie kein anderer. Er singt, als er an den Styx kommt, den Fluss, der die Lebenden von den Toten trennt. Und Zerberus, der Höllenhund mit den drei Köpfen, wird zahm wie ein Schaf, legt die Pfoten übereinander, hält die Köpfe schräg, lauscht. Charon, der geizige Fährmann, wird melancholisch, die drei Richter würgt es in der Kehle, Persephone rinnt eine Träne über die Wangen. Orpheus geht aufs Ganze:

Und wehrt das Geschick für die Frau mir die Gnade, so kehr ich entschlossen nimmer zurück: ihr mögt euch am Tod von beiden erfreuen....

Er droht: lieber will er selbst sterben, als ohne Eurydike leben. Die Schatten der Toten ächzen.

Es ist klar: der Sänger wird seine Frau zurückbekommen. Die drei Richter räuspern sich. Ganz ohne Auflage können sie Eurydike nicht ziehen lassen. Irgendeine Bedingung muss Orpheus erfüllen. Aber er ist kein Held, dem man auftragen kann, einen wilden Eber zu erlegen, Ställe auszumisten, oder das Land von maroden Vögeln zu befreien, er ist ein Sänger. Die gerührten Richter stecken die Köpfe zusammen – und verkünden: dass er die Augen nicht rückwärts wende, bevor des Avernus Tal er verlassen ...




Er darf sich nicht umschauen! Nicht bevor sie oben sind. Ist das ein Witz? Warum soll er sich auf den paar Schritten, die uns hier vom Licht trennen, nach Eurydike umschauen? Er wird sie den Rest seines Lebens vor der Nase haben, wenn sie erst einmal oben sind. Aber gut, Orpheus ist es recht so. Er wendet sich zum Gehen, die Leier im Arm – wie ein Kind hält er sie. Charon fährt Eurydike über den Styx zurück, und sie folgt ihrem Bräutigam.

Und dann geht alles ganz schnell: Orpheus tritt aus dem Stollen, das Sonnenlicht trifft ihn – er dreht den Kopf, sie will noch was sagen, er schaut sie an – (Pause, dann ganz ruhig:) Er schaut sie an ...

... und will ihn halten, sich halten lassen ...

Sie können einander nicht halten. Die Schatten greifen nach Eurydike, ziehen sie zurück. Er hat sie verloren, zum zweiten Mal. Ein Augenblick, ein Blick – und es ist alles vorbei.