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Irland - eine Reise durch das
Land der Regenbogen




Es hatte die ganze Nacht geregnet. Ich stand am Bach unten, dort wo er sich in einen kleinen und einen großen Arm teilt. Ich weiß nicht mehr, wie ich dorthin gekommen war; es gab zu jener Zeit erst ein paar Pfade durchs Dickicht, und ich muss unter den tropfenden Büschen hindurch gegangen sein. Es war früh. Die Sonne hing schräg über dem gegenüberliegenden Hang. Das Wasser glitzerte zwischen den braunen Ufern. Es heißt, jeder Mensch habe eine Landschaft, in die er gehöre, und ich war sicher, meine gefunden zu haben.

Das war im ersten Winter. Im Sommer waren wir nach Irland gekommen. Für einige Monate hatten wir in Dublin gelebt, dessen Entfernung von der Schweiz sich noch in Kilometern, Flugstunden messen ließ. Nun war Dezember, und wir wohnten in dem Haus über dem Tal, das in eine andere Welt gehörte. Die Wassertropfen, die an den Spinnennetzen in den dürren Stauden hingen, schimmerten in den Farben des Regenbogens.




Während es Frühling wurde und die Hänge des Tales grün, folgte ich der schmalen Straße zwischen den Weißdornhecken, die an der verlassenen Kirche, dem verfallenen Taubenturm vorbei zum Meer hinunter führt. Ich sah das Dach des Herrenhauses über den Kronen der Bäume, die aufrechten Steine auf dem Hügel, die Schwäne im Schilf nicht weit von der Mündung des Flusses. Und ich entdeckte den Wald, dessen Boden ganz mit Moos überwuchert war. Es war unsinnig, nicht an Feen und Zauberer zu glauben.

Auf den ersten Winter folgte der zweite, der dritte. Ich hörte die Geschichten der Menschen, die diese Insel gefunden und wieder verloren hatten, der ersten Siedler, die vor 5000 Jahren das Land mit Steinmauern in Felder aufteilten und ihre Toten in Grabkammern unter künstlichen Hügeln begruben, in die am kürzesten Tag des Jahres die Sonne scheint.




Wir begannen, das Dickicht zu roden, und die Singvögel kamen zurück, Buchfinken, Blaumeisen. Die Hunde schreckten Fasane auf, die im letzten Moment aus den Büschen stoben. Manchmal stieg ein Kranich aus den Wiesen und glitt mit gestreckten Schwingen über die Wipfel der Erlen. Ich las von Feldherren und Königinnen, die ihre Befestigungen an den Rändern der Insel erbauten, ohne ihr Herz zu erobern. Wir rissen den Efeu von den Mauern, die den Garten umgeben, und fügten die Steine wieder ein, die die Wurzeln herausgelöst hatten. Ich hörte von den Unzähligen, die aus Armut, Hunger oder Angst die Insel verlassen mussten, ohne sie vergessen zu können, und ich sah die Reste ihrer Häuser unter Brennnessel- und Brombeerstauden.

Nach einiger Zeit begannen die Schwäne in unserem Garten zu nisten. Ich las die Legenden, die im 12. Jahrhundert von irischen Mönchen aufgezeichnet wurden, um die Gottlosigkeit der früheren Inselbewohner aufzuzeigen, und verstand, wie sie sich beim Schreiben von den Geschichten bezaubern ließen. Ich erfuhr von der stolzen Königin Maeve, die auszog, um den Bullen von Ulster zu gewinnen, und von Cuchulainn, der allein gegen ihr Heer antrat, während die Männer von Ulster in den Wehen lagen. Ich machte die Bekanntschaft des schlauen Finn Mac Cool, der viele Gestalten hat und jeden Gegner, ja vielleicht sogar den Tod, überlistete.




Im zehnten Jahr sah ich den Eisvogel, der in der Böschung des Baches haust - ein blauer Blitz über dem Wasser. «Jeder Ort hat sein Schicksal», schreibt Ovid, und wenn wir lange genug an einem Ort bleiben, wird es zu unserem. Es war ein trüber Morgen und es dauerte nur einen Augenblick. Ich werde es nie mehr vergessen.

Heute unterscheiden sich die Winter nicht mehr voneinander, aber jeder birgt die Erinnerung an den ersten und jenen Morgen am Ufer des Baches. Es muss der Regen in der Nacht gewesen sein, die klare Luft, das Licht der Wintersonne, und sie hätte auch in einem anderen Bach glitzern können. Vielleicht werde ich Irland eines Tages verlassen, um an einem anderen Ort zu leben. Aber ich glaube, dass dies meine Landschaft ist, und dieses Buch enthält die Geschichten, die mir die Insel unter dem Regenbogen und ihre Bewohner erzählt haben.


Rosemount, Julianstown, im Herbst 2002



Schiffe und Kliffe
Nordirische Ansichten

Während wir das Sträßchen zurückfahren, ziehen sich dunkle Wolken über uns zusammen und der Westwind zerrt an den Bäumen.

«Nach Osten», sagt Finn, als ich an der Hauptstraße zögere. Die Stürme an dieser Küste sind berühmt.

Mit 130 Schiffen stach die spanische Armada im Mai 1588 in See, um England zu erobern. Doch Elizabeth I. war vorbereitet und empfing die schwerfällige Flotte mit kleinen, wendigen Schiffen. Einige Scharmützel folgten, doch die englischen Verteidiger entzogen sich immer wieder, bis der Herzog von Medina Sidonia, der den Oberbefehl der Armada nur widerstrebend übernommen hatte, seine Flotte vor der französischen Küste vor Anker gehen ließ. In dieser Nacht schickten die Engländer brennende Boote; Panik ergriff die Spanier, Taue wurden gekappt, Schiffe sanken, andere liefen auf Grund. Endlich drehte der Wind und der Rest der Armada entkam in die Nordsee. Die Eroberung Englands war misslungen, die Spanier beschlossen heimzukehren.

Die Anweisungen von Medina Sidonia für die Rückkehr waren klar: Irland war unter allen Umständen zu meiden, denn er versprach sich nichts Gutes von den englisch beherrschten Einheimischen. Aber auch das Wetter war den Spaniern nicht wohl gesonnen und zerstreute die Flotte in alle Winde. Schließlich war die irische Küste nicht mehr zu umgehen. Sturm und Hunger trieben sie an Land und viele wurden von den Iren, den englischen Befehlen getreu, hingerichtet. Die Rata Encoronada lief in einer Bucht von Mayo auf Grund. Don Alonso de Leiva, der zum Stellvertreter von Medina Sidonia bestimmt war, gelang es jedoch seine Besatzung zu evakuieren, alles Wertvolle vom Schiff zu bergen und dieses untauglich zu machen.

Er richtete sich in einer verlassenen Burg in Doona ein, bis er hörte, dass die Duquesa Santa Ana, ein anderes Armadaschiff, in der Nähe sei. Auf ihr stach er mit seinen Leuten erneut in See und segelte - wohl vom Wind gezwungen - nordwärts, nur um vor der Küste von Donegal noch einmal Schiffbruch zu erleiden. Erneut brachte er seine Leute unbeschadet an Land, besetzte wieder eine Burg. Als er vernahm, dass die Girona in Killybegs lag, marschierte er zu Fuß über die Hügel. Er machte die Girona wieder seetüchtig, setzte erneut Segel. Diesmal nahm er absichtlich Kurs nach Norden in der Hoffnung, im unabhängigen Schottland Hilfe zu finden. Doch wieder war das Wetter gegen ihn und am 26. Oktober 1588 sank die Girona mit 1300 Mann an Bord vor der nordirischen Küste. Es war der größte und letzte Schiffbruch der Armada in diesen Gewässern.

Gewiss wurden nicht alle unglücklichen Spanier, die an Irlands Ufer angeschwemmt wurden, hingerichtet, und bis heute halten sich Gerüchte von spanischen Einflüssen im irischen Westen, Menschen mit dunkler Hautfarbe, dunklen Haaren. Die Connemara-Ponies sollen aus einer Kreuzung mit spanischen Pferden entstanden sein, und natürlich erzählt man sich Geschichten. Vielleicht ist deshalb auch die südländische Küche hierzulande so beliebt und das folgende Rezept stammt trotz seines Namens aus einer echt irischen Küche:

Carolines Salsa

8 reife Tomaten
1 rote Paprikaschote
1 gelbe Paprikaschote
1 rote Zwiebel
4 Pfefferschoten
Saft von 1 Limette
Olivenöl

Das Gemüse putzen, waschen und sehr klein schneiden oder nach Belieben in der Küchenmaschine zerkleinern und mit dem Limettensaft und etwas Olivenöl vermischen. Mit Tachos oder auf getoastetem Brot servieren.

Finn schüttelt den Kopf: «Aber diese Gegend hat doch auch ihre eigenen Gerichte.»

Eben haben wir die Grenze nach Nordirland überquert. Von den Wachtürmen und Bunkern, die einst die übergänge zwischen den beiden Teilen Irlands markierten, ist nichts mehr zu sehen, und wären da nicht die britisch-roten Briefkästen und die Straßenschilder mit den Distanzangaben in Meilen, wäre überhaupt kein Unterschied auszumachen.

«Zum Beispiel?», erkundige ich mich.

«Nun, das Ulster Fry zum Beispiel», meint Finn nach längerem überlegen.

«Ein Herzinfarkt auf einem Teller», grinse ich. Das Ulster Fry ist die nordirische Variante eines traditionellen Frühstücks, das den Cholesterinbedarf eines ganzen Lebens deckt.

«Aber gut ist es schon», entgegnet Finn verträumt, «wenn es richtig zubereitet ist.»

«Man beginnt mit den Würsten.» Brendan Daly steht in seiner Hotelküche vor einer Bratpfanne mit heißem öl, das die Würstchen zischend in Empfang nimmt.

«Dann kommt der Blackpudding und der Speck.» Erneutes Zischen. Brendan dreht die Würstchen und schiebt sie zur Seite.

«Das Kartoffelbrot.» Kleine Dreiecke aus Kartoffelbrei, Mehl und Milch, ähnlich wie Boxty (Kapitel ?), die sich sogleich mit dem goldbraunen Fett vollsaugen.

«Und die Eier!» Brendan schlägt zwei Eier in die Pfanne und dreht die Hitze herunter. «Man könnte es mit gebratenen Pilzen und gebackenen Tomaten servieren, aber traditionell gehören die nicht dazu.»

«Nein, besonders gesund ist es nicht», gibt Brendan zu, «aber die Gäste essen es gerne.»

«Es gab schon immer Leute hier, die etwas von guter Küche verstanden», stellt Finn fest.

Ich blicke ihn zweifelnd an.

«Der Bischof von Derry zum Beispiel.»

«Wer?»

«Frederick Hervey, Graf von Bristol und Bischof von Derry», verkündet Finn. «Nach ihm heißen die Hotels Bristol, denn er war so verfressen, dass jede Unterkunft, in der er abstieg, sich mit ihm brüsten wollte.»

«Hat der nicht auch diesen Tempel gebaut?»

Das runde, mit einer Kuppel überdeckte Gebäude wurde 1785 dem Tempel der Vesta im römischen Tivoli nachgebaut und steht auf einem windumwehten Kliff auf dem Gelände des heute zerfallenen Downhill Castle, das der Bischof bewohnte.

«Ja, im Andenken an die Frau seines Cousins.»

Es heißt, der adrette, kleine Tempel mit Fenstern in alle Himmelsrichtungen, die einen atemberaubenden Blick über die Küste bieten, war ursprünglich als Bibliothek gedacht - oder als Boudoir für die Geliebte des Bischofs.

«Seltsame Familie.»

«Die Frau des Cousins starb mit 22, noch bevor der Tempel fertig war», entgegnet Finn. «Zudem war Hervey ein großer Kunstsammler - Van Dyck, Raffael, Tintoretto - und er hatte das erste Wasserklosett auf dieser Insel, von Placido Colombani konstruiert, den Hervey dafür aus Italien kommen ließ.»

Ich versuche eine beeindruckte Miene zu machen.

«Sein Geschmack war dann ja wohl nicht sehr irisch», gebe ich zu bedenken.

«Zu jener Zeit war das Irische entweder verboten oder verachtet», verteidigt sich Finn.

«Aber früher gab es doch auch irische Herren hier oben?»

«Natürlich, in Dunluce Castle zum Beispiel.»

«War da nicht was mit einer Küche?» ähnlich wie Herveys Tempel sitzt auch Dunluce Castle auf einem Kliff, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem die Girona sank, und es heißt, die damaligen Burgherren, die mit der englischen Krone verfeindet waren, hätten die neun überlebenden des Schiffbruchs aufgenommen, gepflegt und nach Spanien zurückgeschickt.

«Sie fiel ins Wasser.»

«Wer?», frage ich verdutzt.

«Die Küche von Dunluce Castle - während eines Sturms», erklärt Finn.

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen.

«Ist das nicht ganz in der Nähe des Giant´s Causeway?» Der «Damm des Riesen» ist eine eigentümliche Basaltformation aus meist sechseckigen Säulen, die sich wie Stufen aneinander reihen. Sie führen ins Meer hinein und auf der schottischen Insel Staffa gegenüber tauchen sie wieder auf.

«Ja.» Finn klingt verärgert.

«War da nicht diese Geschichte mit ...»

«Ja, ja», fällt er mir ins Wort, «alles Geschichten.» Und ich erinnere mich, dass es heißt, Finn Mac Cool habe, als er noch ein Riese war, den Giant`s Causeway gebaut, weil er in Staffa eine Geliebte hatte, die Frau eines anderen Riesen.

«Wir könnten nach Belfast fahren», sage ich nach einer Weile, um von dem heiklen Thema abzulenken.

«Nach Belfast?», fragt Finn überrascht.

«Ja, wir könnten in der Crown Bar essen - und etwas trinken.»

Der Crown Liquor Saloon an der Great Victoria Street im Zentrum von Belfast wurde 1880 erbaut und mit seinen Marmortischen, seinen gemalten Scheiben und Mosaiken gehört er zu den Sehenswürdigkeiten der nordirischen Hauptstadt, die man auf keinen Fall missen sollte.

«Aber - Belfast ...», Finn zögert.

«Warst du denn noch nie in Belfast?» Belfast ist - im Widerspruch zu seinem Ruf - ein sehr freundliche Stadt mit vielen ansehnlichen Backsteinbauten, alten und neuen, schönen Einkaufsstraßen und einem betriebsamen Universitätsviertel. Im Gegensatz zu Dublin hat es eine industrielle Vergangenheit, und wenn man auf die Stadt zufährt, sind schon von weitem Samson und Goliath zu sehen, die beiden Kräne von Harland and Wolff, der erst seit kurzem stillgelegten Werft, in der die Titanic gebaut wurde.

«Immerhin ist es die zweite Hauptstadt auf dieser Insel, der Sitz der Verwaltung, der Regierung ...», gebe ich zu bedenken.

«Noch nicht lange», wendet Finn ein.

«Was meinst du damit?»

«Während Jahrhunderten war Emain Macha der Hauptsitz von Ulster.»

Ich erinnere mich an den grünen Hügel nicht weit von der Stadt Armagh. Von einem Erdwall umgeben stand dort einst eine mächtige, runde Halle, 40 Meter im Durchmesser. Während viertausend Jahren müssen an diesem Ort Rituale und Opfer stattgefunden haben, bevor man den riesigen Bau aus ganzen Baumstämmen errichtet und ihn - aus vergessenen Motiven - wohl in einer Zeremonie niederbrannte.

«Dann lass uns nach Emain Macha fahren», schlage ich vor.

«Die Zwillinge der Macha», erklärt Finn, als ich nach der Bedeutung des Namens frage.

«Und wie kam der Ort zu diesem Namen?»

«Das ist rasch erzählt», meint Finn:


Crunniuc Mac Agnomain sah eine Frau über seine Weiden rennen. Die Frau kam in sein Haus und begann zu arbeiten. Am Abend legte sie sich zu ihm ins Bett und so lange sie da war, fehlte es an nichts. Da wurde ein Markt abgehalten in Ulster, und alle gingen hin. Crunniuc legte sein bestes Gewand an.

«Es wäre besser, nicht allzu sehr zu prahlen», meinte die Frau.

«Warum sollte ich prahlen?», fragte er verwundert.

Am Abend nach dem Markt brachte der König seinen Wagen mit seinen zwei Pferden aufs Feld.

«Nichts ist schneller als diese Pferde», sagten die Leute.

«Meine Frau ist schneller!», behauptete Crunniuc.

Da wurde er zum König gebracht, und der ließ die Frau kommen.

«Ich bin schwanger», sagte sie.

«Wenn du nicht rennst, stirbt dein Mann.»

«Jeder von euch wurde von einer Mutter geboren - helft mir!», bat die Frau, aber die Leute rührten sich nicht.

Da rannte sie mit den Pferden des Königs um die Wette, und als sie den Wagen überholte, schrie sie und gebar eine Tochter und einen Sohn.

«Ich bin Macha, die Tochter des Sainrith Mac Imbaith», sagte sie, «und dieser Ort wird auf alle Zeit den Namen meiner Kinder tragen: Emain Macha - die Zwillinge der Macha. Alle die meinen Schrei gehört haben aber, werden mit Wehen darniederliegen in der Zeit ihrer größten Bedrängnis.»

Von da an wurden die Männer von Ulster von Wehen gepackt, wenn sie ihre Kraft am dringendsten brauchten. Nur die Knaben waren davon ausgenommen, die Frauen und Cuchulainn, der Hund von Ulster.



Während wir durch die mit Apfelbäumen besetzten Wiesen der Grafschaft Armagh fahren, erzählt Finn, wie Cuchulainn seinen Namen erhielt, weil er den Hund des Schmiedes Culann tötete und dessen Aufgaben übernahm, bis ein neuer Hund herangezogen war. Wie er sich allein dem Heer der Königin Maeve stellte, die gekommen war, um den Bullen von Cuailnge zu holen, während die Männer von Ulster in ihren Wehen lagen, und wie er Ferdia, seinen besten Freund tötete ...

Ich parke das Auto vor dem Besucherzentrum von Navan Fort - so der englische Name von Emain Macha - und wir steigen den Hang hinauf. Es ist nur ein Hügel mit ein paar Bäumen, einem Wall aus Gras und doch stehe ich voller Andacht an dem Ort, der von Legenden und Geschichten erfüllt ist.

In den irischen Sagen gelten äpfel als Symbol des Wissens, des Lichts und der Unsterblichkeit, und jene, die in der Anderen Welt wachsen, haben besondere Kräfte. Sie heilen Wunden und Krankheiten, werden niemals kleiner, ganz gleich, wie viel man davon isst, und wer sie pflückt, wird unsterblich. Die äpfel, die heute in der Grafschaft Armagh wachsen, werden mehrheitlich zu Cider - Apfelwein - verarbeitet, aber man kann auch wunderbare Apfelkuchen daraus backen. Mein Lieblingsrezept ist ein ganz einfaches, in dem der Geschmack der äpfel von nichts übertönt wird.

Apfelkuchen

500 g Mehl
1 TL Backpulver
1 TL Salz
200-250 g ungesalzene Butter
50-100 g gehackte Haselnüsse
1-2 grüne äpfel
Zucker und nach Belieben etwas Zimt
etwas Butter

Mehl mit Backpulver und Salz mischen und auf ein Brett geben. Die Butter in Stücken dazugeben und alles miteinander verkneten, dabei nach und nach 200 ml Wasser dazugeben, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Diesen etwa 30 Minuten ruhen lassen. Dann den Teig möglichst dünn ausrollen und auf ein rundes eingefettetes Kuchenblech legen. Den Teig mit den Haselnüssen bestreuen. Die äpfel schälen, entkernen und in dünne Scheiben schneiden. Kreisförmig in einer Schicht auf dem Teig auslegen, so dass sie sich kaum überlappen. Mit Zucker und etwas Zimt bestreuen, einige Butterflocken darauf verteilen und im vorgeheizten Backofen bei 200 C backen, bis der Teig gar und die äpfel leicht gebräunt sind.

Diesen sehr dünnen Apfelkuchen serviert man am besten heiß mit etwas flüssiger Sahne.



Der Lachs der Weisheit
Am Ende des Regenbogens

In einer Schlaufe des Flusses Boyne liegen drei steinzeitliche Gräber, älter als die Pyramiden, kurz nach der Sintflut erbaut: Dowth, Newgrange und Knowth. Unter künstlich aufgeschütteten Hügeln führen Gänge, die aus mächtigen Steinen gebaut sind, in Kammern, in denen die Bewohner der Insel vor 5000 Jahren ihre Toten begruben.

Dowth ist schon vor langer Zeit eingestürzt und nur noch ein grasbewachsener Krater in der Landschaft. Newgrange ist unversehrt, einzig die Vorderseite wurde in den 1960er Jahren mit dem, was sich um den Hügel zerstreut fand, wieder aufgebaut: eine Fassade aus weißen Quarzblöcken. Der Eingang wird von einem mächtigen Felsblock geschützt, auf dem die wohl berühmtesten und sicher ältesten Spiralen dieser Insel eingemeißelt sind. über der niedrigen öffnung ist ein Fenster in der Wand, durch das am kürzesten Tag die Sonne den 25 Meter langen Gang hinauf in die Grabkammer scheint. Deren Decke besteht aus aufeinander geschichteten Steinplatten und ist bis heute wasserdicht.

Manche der Steine, so haben die Archäologen festgestellt, sind auch an der Rückseite verziert, unsichtbar für das menschliche Auge, und man kann deshalb vermuten, dass die Erbauer an körperlose Wesen glaubten - Götter, Seelenwanderung, Metempsychose. Sicher ist, dass sie einer hochentwickelten Gesellschaft entstammten, die es sich leisten konnte, den Lauf der Gestirne zu studieren und über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, ein Bauwerk wie dieses zu konstruieren. Knowth, das dritte der Gräber, ist am reichsten verziert. Hier führen zwei Gänge in den Hügel hinein, und die Ornamente auf den Blöcken, die in einem Ring um den Grabhügel liegen, müssen für die Menschen der Zeit wie ein Kreis von Gebeten zu lesen gewesen sein.

Als wir aus dem Gang von Newgrange wieder ans Tageslicht treten, blicken wir auf den Boyne hinunter, der anmutig durch die Wiesen fließt. Boann, so heißt es, war mit Nechtan, dem König von Leinster, verheiratet, aber sie war keine sehr gehorsame Ehefrau. Dreimal ging sie um die heilige Quelle herum, die Nechtan in seinem Garten hatte, obwohl dies Frauen verboten war. Da erhob sich das Wasser und verfolgte Boann durch die Hügel von Meath bis zum Meer und so entstand der Boyne.

«Und der Lachs?», frage ich.

Finn räuspert sich: «Der Lachs war das weiseste aller Geschöpfe, denn er hatte die Nüsse der Klugheit geschluckt, die von einem Haselstrauch in den Fluss Boyne fielen. Und es hieß, wer den in den Farben des Regenbogen schimmernden Fisch verzehrte, würde dessen Weisheit erlangen.

Sieben Jahre wartete der Druide Finegas am Ufer des Flusses, bis ihm der gescheite Lachs endlich ins Netz ging. Während er seinen Fang über dem Feuer briet, kam Finegas Schüler daher, und der Druide - gelangweilt von der alltäglichen Kocherei - hieß den Jungen, auf den brutzelnden Fisch aufzupassen. Der Schüler allerdings war kein sehr begabter Koch und prompt verbrannte er sich den Daumen am Lachs. Rasch steckte er den schmerzenden Finger in den Mund, wie man das so tut, und damit erhielt er - und nicht der Druide Finegas - die Weisheit des Lachses.»

«Und der Schüler warst du?»

«Ja», bestätigt Finn.

«Aber die Geschichte mit der eifersüchtigen Fee, ging es da nicht auch um Weisheit?», erkundige ich mich nach einiger Zeit.

Finn lächelt: «Ein Teil der Weisheit wird einem geschenkt, den anderen Teil muss man sich verdienen.»

An diesem Abend lade ich Finn nach Rosemount ein und ich koche meinen Lachs für ihn.

Lachs mit Zitronenbutter

Für 4 Personen:

reichlich Fischfond
1 ganzer Lachs (küchenfertig)
200 g Butter
Saft von 3 Zitronen
Pfeffer und Salz

Den Fischfond am besten in einer länglichen Fischpfanne aufkochen. Den Lachs in den Sud geben und auf kleiner Hitze je nach Gewicht 20 Minuten oder mehr ziehen lassen, bis er gar ist.

In einer anderen Pfanne die Butter mit dem Zitronensaft und etwas Pfeffer und Salz erwärmen, ohne dass sie braun wird.

Den Fisch auf einer vorgewärmten Platte häuten, zerteilen, mit etwas heißer Zitronenbutter übergießen und sofort servieren.

Das Fleisch des Lachses ist fettreicher als das von anderen Fischen und hält sich daher besser. Es kann, im Kühlschrank aufbewahrt, auch gut am nächsten Tag noch kalt gegessen werden.