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Die stumme Reiterin


Von den acht Seiten sind vier der Erde und vier dem Himmel. Auf den der Erde Geweihten soll David stehen, weil er gerecht war, Salomon, weil er weise war, Ezechias, dem Gott durch den Propheten Isaias die Jahre stundete, und Christus selbst, der Menschgewordene, der König der Könige.

Die vier Seiten des Himmels aber sollen strahlen wie die vier Mauern der Heiligen Stadt. Aus reinem Gold sollen sie sein, mit zwölf Perlen für die Tore, über denen die Namen der Stämme Israels stehen, zwölf Edelsteine für die Grundsteine mit den Namen der Apostel darauf, wie es der siebte Engel dem Johannes beschrieb. In den Edelsteinen leuchten die Farben des Himmels, der Hoffnung und der himmlischen Herrschaft, und sie verbinden sich zur Dreifaltigkeit und dem Kreuz, an dem er starb.

Das Zeichen der Botschaft stehe über der Stirne, die vier Himmelsrichtungen, in die sich die Botschaft verbreite, über dem Nacken. Weil aber aus den zwölf Söhnen Jakobs einer hervortrat, soll dieser anders sein, und weil von den zwölf Aposteln einer den Herrn verließ, soll an dessen Platz ein Einziger sitzen. Einer mit den Tugenden aller, der Himmel und Erde verbindet, das Vergangene mit dem Kommenden und die Reiche der Welt, und keiner, der sein Licht erblickt, wird es vergessen können.


Zu Nürnberg am Tag nach Benedicti, Mittwoch nach Reminescere, da man zählt 1424 Jahr ...

Mit Schellen und Sackpfeifen sind sie heute Morgen aus der Stadt gezogen, um dem Fischkarren entgegenzugehen, und später werden sie behaupten, sie hätten Hingerichtete vom Galgen genommen, Gefangene aus dem Kerker befreit, und alle - alle Bewohner der Stadt seien dem Zug gefolgt. So wollen die Nürnberger den Segen des Himmels und die vollen Beutel der Kaufleute in ihre Mauern locken, und sie haben es genau geplant: Wie der Fuhrmann vom Bock springt und sich auf den Boden wirft, als habe er nicht gewusst, was unter den gesalzenen Fischen in den Fässern liegt; und die beiden Gesandten steigen mit ehrfürchtigen Gesichtern von ihren Pferden. Der Rat wird ihren Mut in gewichtigen Worten loben. Dann werden die Leute jubeln - schreien werden sie, wie immer - und die Köpfe recken, im Glauben, sie könnten Reichsapfel und Zepter sehen, die aus den Fässern gezogen werden, und die Krone. Auf dem Wagen, auf den sie die Kisten mit den Reichskleinodien laden, werden Knaben in weißen Kutten sitzen. Jeder von ihnen trägt eine Kerze, und es ist ihnen verboten, sich zu rühren, auch wenn ihre Mütter am Wegrand winken, auch wenn der Wind die Flamme ausbläst.

Unwiderruflich und auf ewig, heißt es in König Sigmunds Brief, solle Nürnberg die Insignien des Reiches verwahren, und die Gesandten des Rats haben dem Kanzler des Königs tausend Gulden dafür bezahlt. Nun geleiten sie ihren Wagen voll erbeuteter Gnaden zur Stadt: Krone, Szepter und Schwert, den Zahn Johannes des Täufers, den Span von der Krippe und die heilige Lanze, die einst die Brust des Erlösers durchbohrte. Gelobt sei, der da kommt, rufen sie in den Gassen von Nürnberg, als reite Gottes Sohn selbst durchs Frauentor.

Jeden zweiten Freitag nach Ostern werden die Heiltümer nun auf dem Marktplatz von Nürnberg gezeigt, und in den Gassen werden Fahrende ihre Waren anpreisen. Die Krone ist gewiss während der Weisung nur einen Augenblick sichtbar, und wen kümmert es, in welchen Farben sie funkelt, wenn ihm im gleichen Moment alle Sünden erlassen werden? Eine reine Seele, als wäre nichts geschehen, und zwischen Taufe und Tod nur ein weißes Blatt? (pp 4-6)



WASSER

Komm, Täubchen, komm, setz den Fuß in die Schlinge, im Namen des Großen, des Mächtigen ... - und da geht er mir auf den Leim. Geblendet vom Licht stürzt er in die Finsternis. Und bindest du mich mit sieben Seilen, sagt Samson, werde ich schwach wie ein Mensch. Nur Haut und Knochen hast du unter dem Hemd und doch die Versuchung im Herzen. Da baumelst du kopfunter, und je mehr du zappelst, umso stärker schneidet der Strick dir ins Fleisch. Lass dich anschauen, Täubchen.

Es gelangen nicht viele bis hier herauf. Die meisten werden von den Soldaten im Hof niedergestochen. Die Toren sterben an ihrer Torheit. Wo hast du deine Kleider gelassen? Auch sonst siehst du nicht aus wie die andern, zu fein, zu klein, die weißen Knie zerschunden, und Hände wie ein Mädchen. Wolltest du damit die neun Schlösser der eisernen Türe aufbrechen? Mit diesen Fingern voll Tintenflecken? Früher verehrten sie einen Gott mit einer goldenen Hand, und sie sagten: nur die Hügel und der Himmel sind ewig, die Tage, die gezählt werden, und die Nacht ...

Nun liegt die Nacht vor uns -, und wer weiß, wie sie dich finden werden, wenn der Tag anbricht.

Du hast mich nicht gesehen, Täubchen, natürlich hast du mich nicht gesehen, ihr seht alle nur das Licht. Aber wo das Licht ist, ist auch die Finsternis, und die meisten, Täubchen, die meisten verirren sich in ihr, vergessen, wonach sie suchen.

Wächter, sagst du? Ja, ich bin der Wächter, der Schwarze, der das Weiße bewacht, und ich habe schon viele wie dich gefangen, wenn der Widerschein des Goldes sie blendete.

Wasser, sagst du. Ja, aus dem Wasser wird es, und im Wasser vergeht es. Doch an manchen Stellen dreht sich der Strom der Zeit in endlosen Wirbeln. Seit dem Tag, an dem der Schöpfer den Herrlichsten seiner Engel verstieß, und der Stein aus der himmlischen Krone fiel, suchen die Menschen nach ihm, und viele meinen, ihr Name stehe unter jenen, die ihn finden können. Doch glaub mir, Täubchen, nur wenigen ist es gelungen, und die haben es teuer bezahlt. Kennst du die Geschichten nicht? Die Geschichte des Steins, die Geschichte von Kaiser und Herzog? Hast du nicht verstanden, was sie berichten? (pp 52f)



FEUER

Es ist wüst und finster in dem Gewölbe, und ein Luftzug kräuselt das Wasser in den Kesseln. Alles, sagt der Meister, beginnt in der Dunkelheit.

Am Morgen zündet der Meister die Talglichter an. Staub liegt auf den Flaschen und Tischen. Es ist eins, aber überall anders, sagt der Meister. Der Staub soll in eine Schale gewischt werden. Auch der Boden des Gewölbes ist davon bedeckt. Er klebt wie Asche. Der Meister mischt getrocknete Blätter und schlägt sie in ein Papier. Seine Handschuhe sind fleckig. Das Päckchen muss in der Judenstadt abgegeben werden. Dort sind die Straßen enger, es riecht anders. Manche der Männer tragen lange Gewänder. Die Synagoge ist leicht zu finden, ihr First überragt alle anderen. Das Haus, das der Meister beschrieben hat, liegt gegenüber. Ein Knabe mit langem Haar öffnet die Türe, aber nur einen Spalt. Beim zweiten Klopfen öffnet eine Frau. Ihre Augen sind gerötet. Das Päckchen riecht nach Lavendel. Sie sagt etwas in einer fremden Sprache, das wie ein Segen klingt. Viele der Häuser sind neu, und die Gassen gleichen einander. Eine führt auf ein leeres Feld. Krähen kreisen darüber. Hannes hat damals erzählt, Kaiser Karl habe die Juden nach Prag geholt, damit sie ihre Geschäfte unter seinem Schutz führen konnten. Sie sollten so frei sein, wie sie es unter Karl dem Großen gewesen waren, und er erlaubte ihnen, ihr eigenes Banner zu tragen: einen goldenen Stern auf rotem Grund. Nach seinem Tod zahlten sie König Wenzel jedes Jahr für seine Gunst, abet es nützte ihnen nichts. An Ostern, bevor Hannes in die Hauptstadt kam, verbrannten dreitausend Juden, Männer, Frauen und Kinder in ihren Häusern, und Hannes hatte den Rauch noch gesehen. Nur die Synagoge war unversehrt geblieben, weil sie aus Steinen des zerstörten Tempels erbaut war, der am Ende der Zeit in Jerusalem wieder errichtet werden wird. Die Bühne der Gaukler auf dem Rathausplatz ist verschwunden. Im Traum ist das leere Feld in der Juden stadt voller Gräber. (pp 143f)



Die Spiralen drehen sich von außen nach innen, und wenn sie sich schließen, wird das Getrennte wieder verbunden sein, das Neue wird das Alte erkennen, und die Erlösten werden das himmlische Jerusalem sehen. Dann will ich ihnen geben einen weißen Stein, auf dem ein neuer Name geschrieben steht, und nur sie werden ihn wissen. Dein Name in der Mitte der Kreise ist nur noch ein roter Hauch.

Die Farbe des Anfangs, sagte der Meister, ist auch die Farbe des Endes. Ich bin durch Wiesen und Wälder gegangen und durch die Straßen der Städte, und ich habe aufgeschrieben, was sie mich hießen, was ich hörte und was ich sah. In Bogen und Schlaufen flocht ich die Wörter zusammen, und wer weiß, was die Menschen in ihnen lesen werden. Vielleicht haben sich meine Sinne vor langer Zeit verwirrt, im Feuer oder schon in der Finsternis des Turms, und du sangst nie mit Relindis' Stimme, schriebst nicht mit meiner Hand. Tochter hat die alte Gerberin dich genannt. Trug sie den Schal, damit ich das Mal an ihrem Hals nicht sah?

Nun führt mein Weg in die Dunkelheit zurück. Die stumme Reiterin wird ihren Mantel um mich legen, und ich werde die Erde riechen. Im Felsen unter der Grabeskirche in Jerusalem soll eine kleine, niedrige Höhle sein, in der Josef von Arimathea begraben ist, der die Botschaft des Herrn, und vielleicht auch den Kelch, in das weiße Land im Norden brachte. Die Höhle ist nicht weit vom Grab des Erlösers entfernt, doch das Licht der Kerzen erreicht sie nicht. Dort möchte ich liegen in der himmlischen Stadt, wenn das siebte Siegel gebrochen ist, die Schalen des Zornes ausgegossen.

Seine Kraft wird vollkommen sein, wenn er wieder in Erde verwandelt ist, stand auf der smaragdgrünen Tafel. Vielleicht habe ich den Stein in Händen gehalten, vielleicht habe ich Relindis wiedergesehen und sie nicht erkannt. Vielleicht wirst du diese Seiten eines Tages lesen, auch wenn du nicht meine Tochter bist. Das Unvollkommene bringt das Lied erst zum Funkeln. Der Glanz und der Schrecken, die unsere Worte beschreiben, ziehen an uns vorbei, und in der Mitte der Kreise liegt nicht der Glaube, die Liebe oder das Glück, sondern jener Augenblick, in dem das Leben verharrt, die Zeit uns freigibt. Da stehen wir am Ufer unter den Bäumen, wie damals in dem kleinen Tal, und während der Korbflechter seine Ruten schneidet, glitzert die Sonne im Bach vor uns. (pp. 250f)