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Scharlach und Rot


Warum begannen die beiden Schweinehirten zu streiten?

Das ist rasch erzählt.
Freunde waren sie, Friuch, der die quiekenden Schweine Ochall Ochnes, des Königs des Nordens, hütete und Rucht, der Schweinehirt Bodbs, der in den Hügeln des Südens herrschte. Freunde waren sie, und wenn die Eichen- und Buchennüsse unter den Bäumen des Nordens lagen, trieb der Grunzende seine Rotte nach Norden. Schüttelte der Wind die Bäume im Süden, zog der Eberborstige nach Süden.
Aber die Leute redeten.
"Die Leute behaupten, du seist mächtiger als ich."
"Gewiß bin ich nicht schwächer."
"Das können wir feststellen", sagte Rucht und sprach einen Zauber über Friuchs Schweine. So viel sie auch fraßen, sie wurden nicht fett. Die Leute lachten im Norden, als er mit seiner mageren Herde zurückkam: "Das war ein schlechter Tag, Friucht, dein Freund ist stärker als du."
"Noch ist nichts bewiesen."
Als Rucht das nächste Mal mit seinen Sauen nach Norden kam, sprach Friuch denselben Zauber. Nun sagten die Leute, ihre Macht sei gleich groß. Bodb aber sah seine dünnen Schweine und jagte Rucht davon. Und auch Friuch wurde entlassen.




Da verwandelten sich die beiden Schweinehirten in Vögel - Flügel und Klaue. Das erste Jahr saßen sie in den Bäumen des Nordens und stritten, das zweite Jahr in den Bäumen des Südens.

Dann wurden sie wieder Schweinehirten. Die Leute begrüßten sie. "Spart euch eure Worte. Wir bringen die Klagen des Krieges und eine Flut toter Freunde."
Jeder ging seiner Wege. Sie wurden Wasserwesen - Wal und Seeungeheuer - und verschlangen sich im Suir zuerst und dann im Shannon. Sie wurden Hirsche, und der eine trieb die Herde des anderen davon und zerstörte seine Haine. Als Krieger - Spitze und Kante - zerschnitten sie einander, als Schimären - Schatten und Schild - erschreckten sie sich. Dann waren sie zwei Drachen, die das Land des anderen mit Schnee bedeckten, bis sie aus der Luft fielen und zu Maden wurden. Cruinnic und Tuinnic. Die eine Made fiel in die Quelle des Cronn in Cuailnge, und eine Kuh des Königs von Ulster verschluckte sie, die andere fiel in die Quelle Garad, und die Kuh, die diese verschluckte, gehörte Medb, der Königin.
So wurden die beiden Bullen geboren, Finnbennach, der Weisshörnige, in der Ebene von Ai und Dub, der dunkle Bulle von Cuailnge.




Warum hatten die Männer von Ulster Wehen?

Das ist rasch erzählt.
Crunniuc mac Agnomain sah eine Frau über seine Weiden rennen. Die Frau kam in sein Haus und begann zu arbeiten. Am Abend legte sie sich zu ihm ins Bett. So lange sie da war, fehlte es an nichts.
Da wurde ein Markt abgehalten in Ulster, und alle gingen hin. Crunniuc legte sein bestes Gewand an.
"Es wäre besser, nicht allzu sehr zu prahlen, wenn du etwas sagst," meinte die Frau.
"Warum sollte ich prahlen?"
Am Abend nach dem Markt brachte der König seinen Wagen mit seinen zwei Pferden aufs Feld.
"Nichts ist schneller als diese Pferde," sagten die Leute.
"Meine Frau ist schneller!"
Crunniuc wurde zum König gebracht, und der ließ die Frau kommen.
"Ich bin schwanger", sagte sie.
"Wenn du nicht rennst, stirbt dein Mann."
"Jeder von euch wurde von einer Mutter geboren - helft mir!", aber die Leute rührten sich nicht.
Da rannte sie mit den Pferden des Königs um die Wette, und als sie den Wagen überholte, schrie sie und gebar eine Tochter und einen Sohn.
"Ich bin Macha, die Tochter des Sainrith mac Imbaith, und dieser Ort wird auf alle Zeit den Namen meiner Kinder tragen: Emain Macha - die Zwillinge der Macha. Alle die meinen Schrei gehört haben aber, werden mit Wehen darniederliegen in der Zeit ihrer größten Bedrängnis."
Von da an wurden die Männer von Ulster von Wehen gepackt, wenn sie ihre Kraft am dringendsten brauchten. Nur die Knaben waren davon ausgenommen, die Frauen und Cúchulainn, der Hund von Ulster.




Wie kam der blonde Knabe zu seinem Namen?

Das ist rasch erzählt.
Auf ihren Wagen verfolgten die Männer von Ulster die Vögel, die ihre Weiden in der Ebene Emain frassen - neun Flüge von Vögeln, jedes Paar mit einer Silberkette verbunden - und Deichtine, die Schwester, lenkte Conchobars königlichen Wagen, bis Nacht und Schnee sie zwang, in einer Hütte einzukehren. Dort traf Deichtine im Traum einen Mann, der sagte, sie trage seinen Sohn, und er selbst sei Lugh, der Gebieter der Götter.
"Laß mich nach Emain gehen," sagte der Knabe im fünften Jahr nach seiner Geburt.
"Du kannst nicht alleine gehen."
"Ich kann," und er nahm seinen Spielzeugschild und seinen Spielzeugspeer. Die Buben von Emain Macha lachten. Da krümmte es den Knaben, jedes Haar ein Horn, das eine Auge klein wie ein Nadelöhr, das andere weit offen wie ein Pokal, und er bleckte die Zähne bis zu den Ohren, schürzte die Lippen, dass sie seine Gurgel sahen, und der Heldenschein strahlte um seinem Kopf. Fünfzig Buben streckte er nieder.

Wie aber kam der Knabe zu seinem Namen?

In seinem sechsten Jahr belauschte der Knabe die Druiden von Emain Macha. "Wofür ist dieser Tag gut?", fragte der König sie.
Cathbad, der Druide, antwortete: "Wer heute zum ersten Mal Waffen trägt, wird mächtige Taten vollbringen."
Da ging der Knabe zum König und forderte seine Waffen.
"Wer heute zum ersten Mal seinen Wagen besteigt, dessen Name wird niemals vergessen."
Da ging der Knabe zum König und forderte seinen Wagen.
"Er wird mächtige Taten vollbringen," sagte Cathbad, "und sein Name wird in Irland niemals vergessen werden, aber sein Leben wird kurz sein."
Auf seiner ersten Ausfahrt tötete der Knabe die drei Söhne der Nechta Scéne: den ärglistigen, den Tückischen und den Gierigen, und brachte ihre Köpfe zurück. Hinter seinem Wagen führte er einen wilden Hirsch und über seinem Wagen flog ein Zug wilder Schwäne. Die Männer von Ulster fürchteten sich. Da schickte Conchobar die Frauen hinaus. Sie entblössten ihre Brüste, und der Knabe schämte sich. Das erste Fass, in das sie ihn tauchten, zersprang und auch das zweite. Als er aus dem dritten stieg, reichte die Königin Mugain ihm ein blaues Gewand mit einer silbernen Brosche und setzte ihn auf den Schoss des Königs. Das war sein Platz auf alle Zeit.


Und der Name?

Culann, der Schmied, lud Conchobar, den König, zum Essen, und weil der Schmied arm war, nahm der König nur fünfzig Männer mit. Auf dem Weg sahen sie den blonden Knaben gegen die Buben von Emain Ball spielen. Dreimal fünfzig schlug er in seinem siebten Jahr.
"Komm mit uns", sagten die Männer.
"Erst wenn das Spiel beendet ist."
Als der Knabe zum Schmied kam, sass Conchobar längst beim Essen, und der Hund des Schmiedes bewachte das Haus. Drei Ketten brauchte es, um den Hund zu halten, mit drei Männern an jeder Kette. Der Knabe warf noch immer den Ball vor sich her und schlug mit dem Stecken danach. Da stürzte der Hund auf ihn, und die Männer von Ulster glaubten, er sei verloren. Der Knabe aber warf den Ball in den Rachen des Hundes, und der Ball riss seine Gedärme heraus.
"Du bist willkommen hier", sagte der Schmied, "als Sohn deiner Mutter, aber für mich ist es ein schlechter Tag. Ohne meinen Hund ist mein Haus verwüstet, denn er bewachte mein Leben, meine Ehre und meine Rinder."
"Ich werde dir einen neuen Hund abrichten," entgegnete der blonde Knabe, "vom gleichen Rudel, und bis der gross genug ist, werde ich selbst dein Leben bewachen, deine Ehre und deine Rinder."
Da sagte Cathbad der Druide: "Cúchulainn soll dein Name sein, der Hund des Schmiedes."




Warum zog Königin Medb mit ihren Männern nach Norden?

Das ist rasch erzählt.
Ailill und Medb lagen im königlichen Bett, als Ailill sprach:
"Es ist wahr, was die Leute sagen, Liebes, die Frau eines reichen Mannes lebt gut."
"Wie kommst du nun darauf?"
"Denk nur, wieviel besser du heute dran bist als am Tag deiner Hochzeit."
"Es ging mir ganz gut ohne dich."
"Ich kann mich nicht erinnern, Liebes, daß du damals mehr hattest als deine Frauensachen."
"Was? Ich die Tochter des Finn! 1500 Soldaten hatte ich und für jeden bezahlten Mann zehn Männer mehr, und eine ganze Provinz gab mir mein Vater. Aus allen Königreichen kamen die Freier, aber ich wollte keinen, denn ich verlangte mehr als jede Frau in Irland vor mir: einen Mann ohne Geiz, ohne Furcht und ohne Eifersucht . Denn ich bin freigebig, großzügig, habe Gefallen an allen Gefechten, und im Schatten jedes Mannes, den ich habe, wartet schon ein anderer."
Am nächsten Morgen begannen Ailill und Medb ihre Habe zu vergleichen: Teller, Töpfe und Truhen, kostbare Ringe und Röcke in allen Farben, gestreift und gescheckt. Dann holten sie ihre Herden von den Weiden. Für jedes Schaf, das Ailill besaß, besaß Medb ein gleiches, und zu jeder Kuh von Medb brachte Ailill eine ebenbürtige - bis auf den weißen Bullen Finnbenach. Der wollte nicht einer Frau gehören und war darum in Ailills Herde.
Da schickte Medb einen Gesandten nach Ulster, um den braunen Bullen von Cuailnge zu holen.
"Die Männer von Ulster sind gut," sagte der Gesandte, als er mit dem Hirten des Braunen einig geworden war, "daß sie uns von sich aus geben, was wir sonst holen müßten."
Das erzürnte die Männer von Ulster, und sie schickten den Gesandten ohne den Bullen zurück.
"Dann," sagte Medb, "werden wir uns den Bullen eben holen."




Ailill und Medb versammelten ein großes Heer, um gegen Ulster zu ziehen.
"Jeder, der eine Geliebte oder einen Freund zurückläßt, wird mich heute verfluchen", sagte Medb am Tag des Aufbruchs. Ihr Wagenlenker wendete den Wagen in der Richtung der Sonne zum Zeichen für eine sichere Rückkehr. Da sahen sie eine junge Frau. Sie trug eine geflecktes Kleid von einer goldenen Spange gehalten, einen roten Mantel und Sandalen aus Gold. Ihre Stirne war breit, ihr Kinn schlank, die Lippen blutrot, die Brauen schwarz wie Krähenflügel, und ihre Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. Dreifach waren die Pupillen in ihren Augen.
"Was siehst du?", fragte Mebh.
"Ich sehe scharlach, ich sehe rot."
"Das kann nicht wahr sein, Conchobar und seine Männer liegen mit ihren Wehen in Emain Macha."
"Ich sehe scharlach, ich sehe rot."
"Aber die Hälfte der Männer von Ulster sind auf unserer Seite."
"Ich sehe scharlach, ich sehe rot."
"Unsinn, rote Wunden sind nichts besonderes, wenn zwei Heere aufeinander treffen, sag die Wahrheit, Mädchen."
"Ich sehe einen blonden Knaben mit Blut am Gürtel. Ich sehe einen Verkrümmten, der Tod verteilt. Ich sehe zerschundene Körper und Frauen, die klagen, ich sehe Cúchulainn, den Hund von Ulster."
"Was für eine Art Mann ist dieser Hund von Ulster", fragte Ailill und seine Männer erzählten, was dieser in seinem fünften Jahr vollbracht hatte, in seinem sechsten, seinem siebten..."
"Er ist nur ein Knabe", sagte Medb, "und wir müssen jetzt gehen."




Was wurde aus dem Heereszug von Ailill und Medb?

Das ist nicht so rasch erzählt.
Immer wieder schickten Ailill und Medb Männer aus, um Cúchulainn zu besiegen. Cúchulainn klebte sich ein Bart aus Moos und Flechten ans Kinn, damit die Männer mit ihm kämpften. Ihre Köpfe spießte er auf Pfähle und ließ sie in den Furten zurück, in denen er sie überwältigt hatte. "Es ist nicht so einfach, wie einen Vogel fangen", sagte Medb.


Einmal kam eine junge Frau zu Cúchulainn.
"Ich bringe dir meine Schätze und meine Rinder, denn ich liebe dich, für all die Taten, von denen ich gehört habe."
"Du kommst an einem schlechten Tag. Die Männer von Ulster liegen noch immer in ihren Wehen, und ich muß mich allein gegen die Viehräuber wehren. Ich habe keine Zeit für dich."
"Ich könnte dir behilflich sein."
"Ich habe diesen Kampf nicht für den Hintern einer Frau auf mich genommen."
"Also werde ich dir hinderlich sein. Als Aal werde ich mich in der Furt um deinen Fuß schlingen."
"Dann fang ich dich mit meinen Zehen und brech dir die Rippen."
"Als graue Wölfin werde ich das Wild auf dich hetzen."
"Dann schlage ich dir ein Auge aus."
"Als hornlose Kuh werde ich das Vieh in die Furt treiben, und es wird dich zertrampeln."
"Dann breche ich dir ein Bein."
Und so geschah es mit dem Aal, der Wölfin, und die Rinder stampften durchs Wasser, bis Cúchulainn schrie:
"Allein bin ich gegen die Horden, kann sie nicht halten, sie nicht ziehen lassen. Sagt Conchobar, er soll kommen, ich kann nicht all ihre Besten töten."
Da sah Cúchulainn eine schielende Alte am Wegrand hocken, die eine Kuh mit drei Eutern molk, und er bat sie um einen Schluck Milch.
"Auf das Wohl der Gebenden, und daß die Götter meines Volkes dich segnen", sagte er. Da heilten die Augen, die Rippen und das Bein der Alten und sie flog mit den Krähen davon.




Medb ließ Ferdia kommen, Cúchulainns Pflegebruder, und gab ihm Wein, und ihre Tochter Finnabair ins Bett.
"Auch zwischen meinen Schenkeln bist du willkommen", sagte sie, "wenn du nur den Hund von Ulster besiegst."
"Es reicht schon so", sagte Ferdia und zog seinen hörnernen Panzer an. Die beiden Brüder kämpften drei Tage in der Furt, daß ihre Schwerter wie Dämonen schrien und das Wasser einen anderen Weg nahm. Am vierten Tag nahm Cúchulainn den Gae Bolga - den Bauchspeer, den seine Lehrerin ihm auf der Insel der Schatten gegeben hatte - und stieß ihn durch Ferdias Panzer. Der Speer öffnete sich in seinem Körper und entfaltete tausend Spitzen.
"Hund der großen Taten, mit Tücke hast du mich getötet. Deine Schuld klebt an mir, mein Blut an deinen Händen. Meine Knochen sind gebrochen, mein Herz ist Blut, ich habe nicht gut gekämpft, Hund, ich sterbe."

"Ferdia, tot durch Tücke, wie beklage ich unseren letzten Kampf. Wie schön Finnanbair auch sein mag, sie ist hohler Tand. Du bist tot nun, und ich muß leben, und dich für immer vermissen."




Die Männer von Ulster erhoben sich aus ihren Wehen und zogen gegen Ailill und Medb. In der Ebene von Ai traf der braune Bulle von Cuailgne den weissgehörnten Finnbenach. In dieser Nacht umkreisten die Bullen die ganze Insel, und am Morgen sahen die Männer von Irland den Braunen im Westen mit dem Weißen auf seinen Hörnern.
Ailill und Medb schlossen Frieden mit den Männern von Ulster und diese kehrten nach Emain Macha zurück. Finnabair, die Tochter, blieb bei Cúchulainn. Als dieser in seinem dreiunddreissigsten Jahr starb, sass Morrigú, die Krähe, auf seiner Schulter, und ein Otter trank sein Blut.



© Gabrielle Alioth 1996

(Auf der Grundlage von: "Jenseits der Grenzen im Norden - das andere Irland", Rundfunkfeature über Nordirland, WDR et al., 1996)